"Auf der Suche nach Gehirnen" hieß ein Beitrag unseres Mitarbeiters Ernst Klee (DIE ZEIT Nr. 20), der zu Ermittlungen der Heidelberger Staatsanwaltschaft gegen den prominenten Gerichtsgutachter Hans-, Joachim Rauch führte. Ins Zwielicht gerät nun ein weiterer renommierter Mediziner. Professor Dr. Friedrich Schmieder, Chef und Eigentümer einer der größten neurologischen Rehabilitations-Einrichtungen, dessen Karriere mit Euthanasie-Forschung

/ Von Ernst Klee

MitBussen der Gemeinnützigen Krankentransport GmbH, einer Tarnfirma der Berliner Euthanasie-Zentrale, sind 1940 93 Frauen und 137 Männer aus der Anstalt Reichenau zum Vergasen abgeholt worden. "Es hat sich schon bald herumgesprochen", sagt dazu der damalige Anstaltsdirektor Dr. Arthur Kuhn in einer gerichtlichen Zeugenaussage 1947, "daß das Begleitpersonal der Transporte im Hotel Krone in Konstanz abgestiegen und durch erhebliche Geldausgaben aufgefallen ist."

Kuhn ging damals zum Landgerichtspräsidenten von Konstanz, einem Bundesbruder aus gemeinsamen Burschenschaftszeiten in Heidelberg, und fragte, ob man "denn gar nichts dagegen unternehmen" könne. Der Landgerichtspräsident habe ihm, so Kuhns Aussage, geantwortet, "er wisse in der Sache Bescheid, aber ich könne nichts in dieser Sache unternehmen".

43 Jahre danach, im Januar 1983, werden bei der Konstanzer Friedhofsverwaltung 196 Urnen mit der Asche von Menschen entdeckt, die in den Euthanasie-Anstalten Grafeneck und Hartheim/Linz vergast worden sind. Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen einstellen müssen. Gegen wen hätte sie ermitteln sollen? Dr. Horst Schumann zum Beispiel, der geständige und 1972 krankheitshalber aus der U-Haft entlassene Direktor von Grafeneck ("Die Menschen wurden, so wie sie gekommen waren, vergast"), ist im Frühjahrgestorben.

Während die Konstanzer Urnen lediglich an die Vergangenheit erinnern, fragen sich Mitarbeiter einer in Fachkreisen in gutem Ruf stehenden Rehabilitationseinrichtung für Gehirngeschädigte, ob ihr Chef seine ärztliche Karriere als Gehilfe der Nazi-Euthanasie begonnen hat. Im Verdacht steht einer der angesehensten Bürger der Bodenseeregion: Dr. Friedrich Schmieder, Eigentümer der "Kliniken Schmieder" (620 Betten, rund 600 Mitarbeiter), 1973 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande und 1979 mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet.

Kein Zweifel: Schmieder ist zusammen mit den Psychiatrie-Professoren Rauch und Wendt (emeritierter Heidelberger Ordinarius) von der Euthanasie-Zentrale in einer internen – justizbekannten – Mitarbeiterliste unter der Rubrik "Forschung Heidelberg" aufgeführt. Dazu zwei weitere Dokumente: