In der Lebensgeschichte dieser Frau, Kabarett-Sängerin und Ordensschwester, vereinigen sich konträre Welten. Isa Vermehren wurde 1918 in Lübeck geboren. Sie flog dort 1933 vom Gymnasium, weil sie die Nazifahne nicht gegrüßt hatte. Sie wurde Kabarettistin in Werner Fincks Berliner „Katakombe“, holte das Abitur nach und trat 1938 in die katholische Kirche ein. 1944 wurde Isa Vermehren zusammen mit den Eltern und einem der beiden Brüder von der Gestapo festgenommen – Sippenhaft: Der andere Bruder war auf die Seite der Alliierten übergegangen. Damit begannen für die junge Frau die Erfahrungen in drei Konzentrationslagern: Ravensbrück, Buchenwald, Dachau, die sie später in ihrem Buch „Reise durch den letzten Akt“ aufgeschrieben hat.

Nach der Entlassung aus der amerikanischen Internierung trat Isa Vermehren zunächst wieder bei Werner Finck auf, studierte dann in Bonn Englisch und Deutsch. 1951 wurde sie Ordensschwester in der „Gesellschaft der Ordensfrauen vom Heiligsten Herzen Jesu“, der sie heute noch angehört. Von 1969 bis 1983 leitete sie die Sophie-Barat-Schule, ein katholisches Gymnasium in Hamburg. Der Orden, dem Schwester Vermehren angehört, wurde 1800 in Amiens gegründet und ist international unter dem Namen „Sacré Cœur“ bekannt.

DIE ZEIT: Ihre Eltern hatten also Verständnis dafür, daß Sie als 15jährige Schülerin die Nazifahne nicht grüßten und darum vom Gymnasium flogen?

ISA VERMEHREN: Ja sehr. Sie waren bereit, die Konsequenzen auf sich zu nehmen. Die Tatsache, daß meine Mutter und ich noch im selben Jahr nach Berlin gingen, war so eine Art Antwort auf diese Erfahrung. Lübeck war zu klein, da konnte man seine Meinung nicht so offen sagen.

Waren Ihre Eltern in einer Partei?

Nein. Sie waren gutgläubige Vertreter des liberalen Bürgertums. Mein Vater war Rechtsanwalt, meine Mutter wurde 1933 Journalistin.

Im Jahr 1933 wurde das Ermächtigungsgesetz erlassen. Wie war das wirklich? Wurden alle automatisch Nazis in der Schule, etwa Ihre Lehrer?

Das ging mit einer Schnelligkeit und Selbstverständlichkeit, ich kann auch sagen, in einer Art von Rücksichtslosigkeit vor sich, die ich nie für möglich gehalten hätte. Es sind nur ganz wenige Lehrer gewesen, die sich dem Zug der Vereinheitlichung widersetzt haben. Das Gros wurde innerhalb weniger Wochen zu überzeugten Nationalsozialisten, die alles mitmachten, was von oben angeordnet wurde. Mein Rausschmiß stand im Zusammenhang damit, daß ich mich der Ungleichbehandlung einer „halb jüdischen“ Schülerin widersetzt hatte: Die durfte nicht, dann wollte ich auch nicht!

Hat dieser frühe Rausschmiß aus der Schule Sie motiviert, Lehrerin zu werden, die bessere Lehrerin sozusagen?

Nein, ich wollte nicht Lehrerin, sondern Sängerin werden. Daß ich Lehrerin wurde, stand im Zusammenhang mit meiner Berufung für die Ordensgesellschart, in die ich eingetreten bin. Es ist nun einmal ein erzieherischer Orden.

Sie haben dann das Abitur nachgemacht? Ich war 21, als ich das Abitur machte. Das war an einem Abendgymnasium in Berlin, das war ein Widerstandsnest. Diese Schule konnte man noch guten Gewissens besuchen. Die Schülerschaft war unglaublich zusammengewürfelt: lauter Menschen, die sich dem Zugriff des Staates entziehen wollten.

Wie kamen Sie dazu, Kabarettistin in der „Katakombe“ bei und mit Werner Finck in Berlin zu werden?

Der Mittelsmann war ein Freund der „Katakombe“: der Herausgeber des Querschnitt, einer sehr interessanten Zeitschrift, in der über alles, was auf künstlerischem Gebiet passierte, berichtet wurde. Der Herausgeber, Baron von Wedderkopp, war mit meinen Eltern befreundet und sah die Entwicklung in Deutschland genauso negativ wie wir.

Baron Wedderkopp hatte mich singen und spielen hören. Meine Ziehharmonika, das war mein Hobby. Meine Eltern hatten mir das Instrument geschenkt, und ich habe darauf herumprobiert und Lieder aufgeschnappt, hier und da. Das tat ich zu meinem persönlichen Vergnügen. Baron Wedderkopp machte den Vorschlag, daß ich das auch mal in der „Katakombe“ machen sollte. Dabei kannten meine Eltern die „Katakombe“ gar nicht.

Was für Lieder haben Sie dort gesungen?

Das Lied, mit dem ich damals angetreten war, kann man heute kaum mehr nennen: „Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön“. Das habe ich laut und kräftig gesungen, und das paßte in diese hochintellektuelle „Katakombe“ wie die Faust aufs Auge. Gleichzeitig paßte es aber doch sehr gut dahin. Man konnte damals ja alles nur durch die Blume sagen. Und wenn ich in der „Seefahrt“ gesungen habe: „... Unser erster auf der Brücke ist ein Kerl Dreikäsehoch, aber eine Schnauze hat er wie ne Ankerklüse groß“, dann wußte jeder, daß Goebbels gemeint war.

Was sangen Sie sonst noch?

Später wurden für mich auch Texte geschrieben. Es gab einen sehr guten jüdischen Texter, der zum Freundeskreis der „Katakombe“ gehörte. Und Edmund Nick, unser Musikus, hat diese Lieder entzückend vertont – unter Berücksichtigung des kleinen musikalischen Repertoires meiner Ziehharmonika. Edmund Nick war beim Breslauer Sender rausgeflogen wegen der Nazis.

Wer waren Ihre Lieblingskollegen in der „Katakombe“?

Alle waren nett. Zuerst Werner Finck selber. Dann gehörte ein evangelischer Pfarrer, Tobias Kleinschmidt, in unser Ensemble. Die Nazis hatten ihn von der Kanzel geholt. Auch war ich befreundet mit Ursula Herking, und mit Rudi Platte habe ich mich auch gut vertragen; mit dem ich später einen Film gedreht habe.

Wie haben Sie damals das politische Berlin erlebt?

Das Berliner Tageblatt, bei dem meine Mutter arbeitete, gehörte zu den Zeitungen, denen es am längsten gelang, noch mit einer eigenen Meinung aufzutreten gegenüber der propagandistischen Vereinheitlichungsmaschine von Goebbels. Dadurch war natürlich alles, was Politik und Kultur betraf, bei uns zu Hause Thema Nummer eins. Ich wohnte alleine mit meiner Mutter in Berlin. Meine Brüder gingen in Lübeck zur Schule, und mein Vater hatte seine Anwaltspraxis in Hamburg. Viele politische Gespräche gab es natürlich auch im Kreis um die „Katakombe“.

Wie weit ist Ihre Qualifikation als Sängerin gediehen?

Ich habe einige Konzerte gegeben mit Bach-Liedem, Arien, Chansons.

Sie waren 20 Jahre alt, als Sie katholisch wurden. Hatte sich damit auch Ihr Lebensstil sofort verändert?

Meine Lebensform änderte sich äußerlich insofern, als ich morgens früher aufstand, um in die Messe zu gehen. Aber von innen her wurde alles neu: Mein Leben geriet in eine ganz neue; jenseitige Zielstrebigkeit, die es auch heute noch bestimmt. Ich denke, daß mein Eintritt in den Orden die letzte Konsequenz aus dieser Konversion war. Ich bejahte mein Leben rundherum mit Freunden und Familie und liebenswerten Menschen. Und dieses besondere Ja zu Gott im Orden ist gewissermaßen ein Ja darüber hinaus gewesen. Aber zwischen 1939 und 1944 habe ich mich sozusagen „gedrückt“.

Wie meinen Sie das?

Man mußte doch damit rechnen, daß „nicht erfaßte“ Menschen irgendwann doch noch „erfaßt“ würden für irgendwelche staatlichen oder kriegerischen Zwecke. Ich hatte 1939 mein Abitur gemacht. Ein Studium kam nicht in Frage wegen der Konsequenzen, die das politisch immer nach sich ziehen mußte. Und so habe ich mich auf mein kleines kabarettistisches Gewerbe zurückgezogen.

Sie haben damit also wieder weitergemacht?

Ja, sehr dosiert. Zusammen mit zwei, drei Kollegen habe ich „Einsätze für die Betreuung von Luftwaffeneinheiten“ durchgeführt, an der norwegischen Küste, in Rußland, in Frankreich und Italien. Zweimal im Jahr oder dreimal, für drei bis vier Wochen, war ich unterwegs in den Jahren zwischen 1940 und 1943. Wir hatten ein kleines Spinett und zwei Blockflöten und meine Ziehharmonika und machten alte Musik oder sangen Chansons. Die letzte Reise nach Rußland war für mich die eindrucksvollste. Der Einblick in das Kriegsgebiet, in das Kriegsgeschehen, in die totale Aussichtslosigkeit, da jemals einen Sieg erreichen zu können ... Es war deprimierend und auch als Hintergrunderfahrung für die späteren Erfahrungen im KZ wichtig.

Im Februar 1944 nahm die Gestapo Sie, Ihre Eltern und den anderen Bruder in Sippenhaft, weil einer Ihrer Brüder zu den Alliierten übergegangen war.

Mein Bruder war damals an der Deutschen Botschaft in der Türkei tätig, also im neutralen Ausland. Von dort hatte er sich mit seiner Frau in das englisch besetzte Ägypten begeben und dort um Asyl gebeten. Die Engländer haben ihn dann nach einer Weile nach London gebracht.

Das war alles an „Vergehen“? Dafür Sippenhaft?

Das war alles. Der Übertritt, der ganz und gar aus moralischen und religiös motivierten Gewissensgründen erfolgte, war zunächst gar nicht bekannt. Man wußte in Berlin nicht, wo mein Bruder war. Dann wurde über die BBC seine Flucht verbreitet. Und das hat in dieser gespannten Lage dazu geführt, daß die Sippenhaft über uns verhängt wurde.

Wie’war Ihnen zumute, als sie diese grausamen Erfahrungen aufschrieben? Sie waren damals 27 Jahre alt. War das Schreiben eine Befreiung – soweit möglich?

Die erste Vorlage für dieses Buch „Reise durch den letzten Akt“ waren 90 Schreibmaschinenseiten, die ich, einem alten Brauch unserer Familie entsprechend, für meinen Vater zum Geburtstag aufgeschrieben hatte. Ich kam mit dem Erzählen immer nicht zu Ende. Und wenn ich „einen Faden erzählte“, fiel mir das ganze andere Gewebe dazu ein. Darum war es ein ganz spontaner Wunsch von mir, das alles aufzuschreiben, im Zusammenhang. Als Christian Wegner, der erste Verleger des Textes, das Manuskript in die Hand bekam, hat er mich dazu angehalten, daraus ein Buch zu machen.

Die Gestapo hatte Sie unter dem Vorwand festgenommen, daß Sie für Informationen zur Verfügung stehen sollten. Ihr Vater, der Jurist, wies dem Kriminalrat Rauch vom Reichssicherheitshauptamt nach, daß diese Festnahme nicht rechtens gewesen war, weil es gar kein Gesetz für Sippenhaft, geschweige denn Sippensühne gab. Atmen Sie, was Sie erwarten würde?

Wir hatten zu viele Bekannte, die inzwischen vorübergehend im KZ gewesen oder verschwunden waren. Der erste Fall, an den ich mich erinnern kann, fällt in den Januar 1933. Der sozialdemokratische Abgeordnete Julius Leber war ein guter Freund meiner Eltern. Und er war gleich in der Wahlnacht zusammengeschlagen worden. Seitdem wußten wir von „Konzentrationslagern“.

Sippenhaft, das hieß ja, dennoch, „privilegiert“ zu sein, im Vergleich mit den vielen anderen KZ-Häftlingen. Aber wie sicher konnten Sie sich dieses „Privilegs“ sein?

Vor allem um den 20. Juli lebten wir in Todesangst, aber auch Todesbereitschaft.

Sie berichten, wie innerhalb weniger Tage 29 Frauen erschossen wurden. An einem Abend waren es allein 21 Opfer. Sie beschreiben, wie Sie die Genickschüsse gehört haben. Wie konnten Sie das ertragen, ohne durchzudrehen?

Der Mensch hält mehr aus als er ertragen kann, pflegte meine Mutter zu sagen. Man hält es aus: Entweder versucht man, sich dem Verletztwerden, dem Erschrecken zu entziehen (Ohrenzuhalten wäre so eine spontane Reaktion), oder man ist bemüht, sich dem voll auszuliefern: Ich will es sozusagen auch an mir geschehen lassen, aus Mitleid einfach, als Christ, um Christi willen, nach seinem Vorbild.

Träumen Sie manchmal noch davon?

Nein, aber ich habe aus dem Krieg eine andere Art der Schreckhaftigkeit zurückbehalten. Es gibt bestimmte Geräusche, auf die ich allergisch reagiere. Aber wir wissen ja auch, daß das, was im KZ geschehen ist, wirklich zum alltäglichen Leben der Menschheit dazugehört... Es geschieht ja heute in gleicher Härte, in gleicher Schrecklichkeit. Gelegentlich ist etwas davon im Fernsehen zu sehen. Man muß eher Sorge haben, daß die Menschen abstumpfen, als daß sie durchdrehen.

Als ich das Kapitel über die Häftlinge und ihr Verhalten im KZ las, war ich entsetzt von deren Egoismus, dem Denunziantentum, dem Stehlen, der Gleichgültigkeit und dem Haß. Wie erklärt sich soviel Mißgunst? litten Sie vielleicht schon zu lange unter den verheerenden Bedingungen im KZ?

Nein, im Gegenteil, wer länger dort war, wurde eher gerechter. Aber ich glaube, daß die bürgerlichen Tugenden, die wir haben, wenn es uns gut geht, für solche Situationen nicht ausreichen. Daß dann sehr schnell herauskommt, wie außerordentlich oberflächlich diese Tugenden sind, und unter welchen Bedingungen überhaupt wir nur bereit sind, gütig, rücksichtsvoll, hilfsbereit zu sein.

Sind Sie im KZ niemals ausfallend geworden, aus Verzweiflung oder Ausweglosigkeit?

Nur einmal – und da schäme ich mich heute noch: Ich hatte so entsetzlichen Hunger. Und ich habe die Blockälteste gefragt, ob ich noch ein Stück Brot haben könnte. Das einzige Brot, das sie mir geben konnte, und das sie mir gab, war ihr eigenes.

Wie ist Ihr Verhältnis zur Macht?

Ich glaube, daß die Gier nach Macht keine Krankheit allein der Rechten ist, sondern daß es sie links genauso gibt. Auch glaube ich, daß Macht ausgeübt werden muß, weil es ohne eine vernünftige Handhabung von Macht kein geordnetes Gemeinschaftsleben geben kann. Aber eine Macht, der es darauf ankommt, um ihrer selbst willen respektiert zu werden, ist in sich verhängnisvoll. Macht kann sich verstehen nur im Sinne eines Dienstes, den sie zu leisten hat.

Als Leiterin eines Mädchengymnasiums hatten Sie auch Macht. Kamen Sie manchmal mit dieser Rolle in Schwierigkeit?

Ein Schulleiter braucht Vertrauen, nicht Macht. Auf diesem Hintergrund habe ich im Laufe meiner Zeit als Schulleiterin mehr und mehr verstanden, daß die Amtsvollmacht in sich nichts Wertvolles ist, sondern nur ein unglaublich wertvolles Instrument. Dieses Instrument habe ich in den Dienst von Menschen zu stellen versucht, für die ich Verantwortung hatte.

Mit Isa Vermehren sprach Karin Huffzky.