Von Ulrich Stock

Oberursel

So eine Messe hat die deutsche Wirtschaft noch nicht gesehen: Keine agilen Herren in Nadelstreifen, keine langbeinigen Hostessen, keine bunten gesehen: für bunte Plastiktüten, kein schwerer Mercedes und statt eines Messeschnellweges ein holpriger Feldpfad über Brache.

Dafür tummeln sich halbnackte Männer zwischen 20 und 40 Jahren im Sonnenschein, fahren sich Mädchen mit druckerschwarzen Fingern durchs hennafarbene Haar, wird Graupapier verteilt, das unverhohlen zum Konsumverzicht rät. Die einzigen Aktien, die hier gehandelt werden, sind Anteile an einem Zirkuszelt freier Theatergruppen, das garantiert keinen Gewinn abwerfen wird.

Der Standort der "Projekte-Messe ’83" heißt demnach auch nicht Hannover oder Frankfurt, sondern liegt einige Kilometer von der Main-Metropole entfernt, nahe dem Städtchen Oberursel. 200 Mitglieder West-Deutschen und -Berliner Kollektive treffen sich noch bis zum nächsten Sonntag zur ersten Schau ökologischer Ökonomie – auf dem 25 000 Quadratmeter großen Grundstück der "Arbeiterselbsthilfe Krebsmühle". Sie wollen zeigen, was sich in den vergangenen zehn Jahren abseits von Multis und Klitschen getan hat.

95 selbstverwaltete Betriebe gestalten 40 Stände – Kooperation wird großgeschrieben, Konkurrenz ist verpönt. Was ist zu sehen? Solaranlagen erzeugen Strom, wärmen Wasser oder trocknen Bio-Obst. Ein Windkraftwerk wird vorgestellt, das als Prototyp ein Ferienhaus in der Toskana (!) vom dort nicht vorhandenen Netz unabhängig macht. (Der Trend bei Windrädern geht übrigens zum Dreiflügler.)

Die "Utopia Fahrradmanufaktur" aus Frankfurt wendet sich an "Leute, die nicht am Fahrrad sparen wollen, um sich ein Auto leisten zu können", der Saarbrücker "Fahrradladen" informiert über "Fahrradheilkunde", und die Fahrrad-Lernwerkstatt der "Arbeiterselbsthilfe Krebsmühle" präsentiert zeitgemäß-phantasievolle Kreationen wie das "Wende-Rad" (aus zwei Rädern zusammengeschweißt, kann auch auf den Kopf gestellt gefahren werden) oder das "Liebestandem" (zweiter Lenker fehlt, Hintermann klammert sich an Vorderfrau).

Dazu gibt es Lederhosen, Naturkosmetik, "Snugli, den verantwortungsvollen Kindertragesack", und "Vitalis-Bier", das "nichts für die Kneipe" ist, denn "man trinkt es gezielt", Schluck für Schluck mit "L+Milchsäure", die sich wohltuend auf Kopf und Körper auswirkt. Müsli in allen Variationen – auch aus Zellulose, zur Wärmedämmung –, Vollkornbrote, Schallplatten mit Geräuschen von der Basis.

Wissenschaft und Überzeugung sind hier manchmal schwer zu trennen: Uriges Holzhacken schneidet hier besser ab als die "Knopfdruckwärme" der heimischen Zentralheizung, die Biogasanlage begeistert das Ingenieurkollektiv, weil sie, "wenn der Gärprozeß so richtig im Gange ist", täglich genug Treibstoff liefert, "um eine Kanne Tee zu kochen".

"Sponton" bietet sich an, Demos und Aufläufe zu beschallen, damit die message ankommt. "Wuseltronick" ist beim "Windklassieren" behilflich: Lohnt hier ein Kraftwerk? Die "Schäfereigenossenschaft Finkhof" – bekannt durch die erste Almbesetzung der Geschichte – informiert über "den noch immer nicht verschwundenen Drang des Menschen zum Nomadentum" und beklagt "die leidige Moderhinke", eine ansteckende Hufkrankheit. 14 Messeschafe machen einen belämmerten Eindruck.

Zwischen den Verkäufern haben die Pädagogen und non-profit-Kreativen Platz genommen, Rudolf-Steiner-Fans, die 19- bis 24jährigen organisierte Orientierung bieten wollen, das "alternative Goethe-Institut", das gastarbeitenden Türken in die deutsche Sprache hilft.

Am vergangenen Wochenende-erlebte die Projekte-Messe ihren ersten Besucheransturm, nicht zuletzt ausgelöst durch ein Kulturprogramm, das in einem 600-Personen-Zelt abrollt – gebaut und aufgestellt von Mitgliedern der Berliner UFA-Kommune, mit elf Jahren Lebensalter Veteranin der Bewegung und mit 63 Menschen nach wie vor größte Stadtkommune Europas.

Die UFA-Leute planten die Messe zusammen mit der Krebsmühle und anderen Gruppen des taz-Betriebszeitungstreffens. Die im oder auch tageszeitung zählt selbt zu den größten Kollektivfirmen. Sie hat über 100 Mitarbeiter. Den selbstverwalteten Betrieben überläßt sie einmal monatlich zwei Zeitungsseiten zur freien Gestaltung.

Die "Arbeiterselbsthilfe Krebsmühle", die vom Möbelverkauf, ihrer Laugerei und der Druckerei lebt, bewältigt neben der Ausstellung ihr übliches Arbeitspensum. Vor sieben Jahren hat sich die Kommune in eine ausrangierte Brotfabrik einquartiert und seitdem konsequent renoviert. Geld ist knapp. So rasselten auch am Wochenende die Druckmaschinen und fertigten Werbeblätter für "Budokan" in Bad Homburg, "Deutschlands ältesten Karateklub", unterbrochen nur von messebedingten Stromausfällen.

Die Medien stürzten sich auf das Kuriosum, wie an zahlreichen Funk- und Fernsehteams zu erkennen war. Zwei stern-Reporter gingen dabei gleich einen Schritt zu weit: Sie wollten partout die Schlafsäle der Aussteller in der Morgendämmerung photographieren. Bis an die Matratzen durften sie dann aber nicht heran.

"Lustig statt frustig" lautet das Motto der Kölner "Oléfanten-Kommune", und dies gilt für die Messe insgesamt. Vom leidigen Aufschwung ist nie die Rede, man wünscht ihn auch nicht herbei, weil er das Tempo der Umweltzerstörung ja nur erhöhe. Umsatzzahlen alternativer Betriebe werden ungern genannt. Nur das Wie und das Was der Produktion ist den Produzenten wichtig. Wer nach dem Wieviel fragt, macht sich verdächtig, unzulässige Vergleiche ziehen zu wollen. Gewinn ist unerwünscht.

Alle Kollektivbetriebe sind im Besitz der Betriebsangehörigen. Was meist heißt: Sie teilen sich die Schulden. Chefs gibt es nicht, die anfallenden Arbeiten werden nach Möglichkeit abwechselnd verrichtet. Viele Kollektive zahlen ihren Mitgliedern einen Einheitslohn, unabhängig von Qualifikation und Leistung, andere haben das Gehalt gänzlich abgeschafft und leben – ein jeder nach seinen Bedürfnissen – aus einer Gruppenkasse. 30 000 Arbeitsplätze sollen im Alternativbereich inzwischen existieren, dazu 80 000 Teilzeitjobs.

Arbeitsweise und Lebensform überfordern die Behörden: Finanzämter und Krankenversicherungen tun sich schwer mit den Mischungen aus Kleinbetrieb und Großfamilie. Sie kontrollieren schärfer und langen im Zweifelsfall kräftiger zu.

Die Gruppen firmieren unterschiedlich: als eingetragener Verein, als Genossenschaft oder GmbH. Daß jeder Arbeitnehmer eines selbstvervalteten Betriebes zugleich sein eigener Arbeitgeber ist – die Erfinder haben dafür die Bezeichnung ‚Arbeitsplatzbesitzer" geschaffen –, verwirrt auch die Gewerkschaften. Sie zeihen die Gruppen der "Nischenwirtschaft" und beobachten mißtrauisch, wie sie sich um Tarifbestimmungen nicht scheren.

Kapitalschwäche lähmt viele Alternativbetriebe, zwingt sie zum Arbeiten mit überholter secondhand- Technik, beflügelt andererseits die Phantasie und schweißt die Gruppen wohl auch zusammen.

Das Phänomen der "Zweiten Wirtschaft" wäre nicht denkbar, ohne den bedrohlichen Hintergrund, vor dem sie selbst sich sieht: die Umweltdemolierung, die Aufrüstung, der Rohstoffmißbrauch, das Elend in der Dritten Welt.

Die alternativen Erzeuger bereiten sich auf den baldigen Zusammenbruch des bestehenden Wirtschaftssystems vor: "Damit dann nicht Chaos und Anarchie ausbrechen", wie es ein UFA-Kommunarde spitz ausdrückte. "Wir wollen, daß es dann harmonisch weitergeht."

Wo den selbstverwalteten Betrieben mit ihren Erzeugnissen Erfolg über die Szene hinaus beschieden ist, tauchen marktwirtschaftliche Schwierigkeiten auf: Gewöhnliche Bäcker finden Gefallen am Bio-Brot, Fahrradfabriken produzieren Liegeräder. Und wo die Arrivierten nicht mithalten können, sinnen sie auf Verbote. Das Qualitätsmerkmal "rückstandsfrei" sollen bald nur noch Bio-Lebensmittel führen dürfen, die weniger als zehn Prozent der üblichen Giftstoffe enthalten. "Ist die Perspektive der Bau riesiger Gewächshäuser, um den sauren Regen fernzuhalten?" fragt das Messeheft der Alternativen.