Hamburg

Einen Tag lang gab es an der Alster etwas zu sehen, was man nicht alle Tage sieht: Scharen soignierter älterer Herren, denen Sachverstand ins Gesicht geschrieben stand, aber auch neugierige Jüngere drückten sich die Nase platt vor den Auslagen eines Juweliergeschäftes. Bewundert werden wollte der funkelnde Marschallstab des Großadmirals Karl Dönitz, wenn auch wohl nicht das Original, sondern nur ein Modell, und auch das leicht entstellt: Die Hakenkreuze an den vergoldeten Silberreichsadlern waren schamhaft überklebt, wie das Gesetz es befiehlt. Mitnichten eine Kundgebung nationalistischer Nostalgiker, sondern nur eine gelungene Publicity-Show in einem skurrilen Erbschaftsprozeß, den der Deutsche Marinebund – ihm hatte Dönitz vor seinem Tode den Marschallstab vermacht – vor dem Hamburger Landgericht gegen den Juwelier Renatus Wilm angestrengt hat.

Wilms Geschäft liegt am Ballindamm neben der Binnenalster, für Hamburger eine pikfeine Adresse. Jahrhundertelang residierte die Firma H. J. Wilm in Berlin, und da hörte sich die Adresse noch feiner an: "Unter den Linden 77, Hofjuwelier und Goldschmied". Friedrich der Große gehörte zu den ersten Kunden des Stammhauses, sein silbernes Kaffeegeschirr wird noch heute kopiert. Der Name des Hofjuweliers ist unlöslich verknüpft mit der preußisch-deutschen Militärgeschichte. In der Wilmschen Werkstatt entstand das erste Eiserne Kreuz – nach einem Entwurf von Schinkel. Als Bundespräsident Theodor Heuss, mit seinem Sinn für werkgetreue Kunst und historische Tradition, 1952 die Friedensklasse des Ordens Pour le merke (für Kunst und Wissenschaft) neu stiftete, gab er bei Wilm die Insignien in Auftrag.

Eine der Spezialitäten des Hauses Wilm waren Marschallstäbe, von der Art, die seit Napoleon angeblich jeder Soldat im Tornister trägt. Als Kaiser Wilhelm II. die Zukunft Deutschlands auf dem Wasser entdeckte, schuf er als Pendant einen Großadmiralstab, der sich von der landgebundenen Ausfertigung durch seemännische Embleme unterschied. Wie die Feldmarschälle bewahrten auch die paar Großadmirale – Deutschland hatte deren nur sechs – das teure Original lieber im Tresor auf, aus dem sie es nur für Paraden und ähnliche Feierlichkeiten hervorholten. Für den täglichen Gebrauch führten sie zu kaiserlichen Zeiten einen täuschend ähnlichen Interimsstab mit: sich, der einen hölzernen Schaft hatte. Kaiser Wilheim, immer praktisch denkend, ließ ihn deshalb als Fernrohr ausgestalten.

Des Reiches letzter Großadmiral (und Präsident) verlor seine Stäbe – den aus Silber und den aus Holz – im Mai 1945, als britische Soldaten ihn mitsamt seiner Regierung in Flensburg hoch- und das Geschmeide gleich mitgehen ließen. Aus der Gefangenschaft beschwerte sich Dönitz bei Feldmarschall Montgomery, "da ich sicher bin, daß von Ihnen, Herr Generalfeldmarschall, irgendwelche Verstöße gegen ehrenvolles Verhalten und die Unantastbarkeit privaten Eigentums nicht geduldet werden". Dönitz erhielt seine Stäbe nicht zurück, auch nicht, als er sich nach seiner Entlassung aus dem Spandauer Kriegsverbrechergefängnis in Aumühle im Sachsenwald zur Ruhe setzte.

Der Zufall wollte es, daß die Firma Wilm vor Kriegsende etliche Kostbarkeiten aus ihren Werkstätten nach Aumühle ausgelagert hatte, darunter den "Dönitz-Stab". Als vor einigen Jahren im Ausland der Großadmiralstab – sein Wert wird auf eine sechsstellige Summe geschätzt – per Annonce angeboten wurde, geriet Renatus Wilm in Verdacht, er besitze den echten Stab.

Vor dem Landgericht trat indes am vorigen Donnerstag der 74 Jahre alte Graveur- und Ziseliermeister Helmut Scheuermann in den Zeugenstand. Er fühlte sich bei seiner Berufsehre gepackt und ist zu schwören bereit, daß er selber 1943 den bei Wilm ausgestellten Stab als Modell angefertigt hat: "Ich erkenne meine Vergoldungsarbeiten." Für seine Version spricht, daß sich in die nazipathetische Inschrift "Zum Freiheitskampf des großdeutschen Volkes 30. 1. 43" ein ironischer Fehler eingeschlichen hat: "duetsch" statt "deutsch" (Augenzeugen behaupten, auch der echte Stab sei fehlerhaft gewesen). Der mit blauem Samt verkleidete Schaft soll aus Aluminium sein; die Embleme – Reichsadler, Schiffsanker und Ankerkette – sind aus vergoldetem Silber, die Eisernen Kreuze silbern gefaßt. Das Original hatte Silberschaft, 750er Gold, Platin.