Von Hans-Christoph Blumenberg

Er hat einen „Sonntag in Peking“ gefilmt. Er hat einen „Brief aus Sibirien“ geschickt. Er hat, in Israel, die „Beschreibung eines Kampfes“ gedreht. Andere Filme hießen: „Cuba Si!“, „Das Geheimnis Koumiko“, „Wenn ich vier Dromedare hätte“, „Das sechste Gesicht des Pentagon“, „Die Schlacht um Chile“.

Chris Marker ist ein Filmemacher auf Reisen, ein Dokumentarist, ein Ethnologe, ein Poet. Man hat ihn auch einen Bilderjäger genannt, einen revolutionären Propheten, einen Weltbürger, einen Verwandten von Malraux, Saint-Exupéry, Camus, Cendrars und Jules Verne. Sein Kino läßt sich auf viele Begriffe bringen: also auf keinen. Er selber nennt sich: neugierig.

Chris Marker sammelt Bilder, überall auf der Welt. Er arrangiert sie nicht zu den Berichten eines wissenden Korrespondenten. Er denkt über sie nach, setzt sie in überraschende Verbindungen zueinander, verwirft sie wieder, ordnet sie neu. Er verwendet die disparatesten Elemente: Grobkörnige Super-8-Aufnahmen stehen neben den raffiniertesten elektronischen Verfremdungen, pathetische Bilder neben ironischen, afrikanische neben japanischen, Neon-Zeichen neben Stammesriten, Comicstrips neben Zitaten von Levi-Strauss. Chris Marker behandelt die Welt als Fundsache. Vieles bleibt rätselhaft, geheimnisvoll. Mit Marker reisen Heißt: sich auf ein Abenteuer ohne Gewißheiten einlassen.

„Sans Soleil“, die jüngste Arbeit des 1921 geborenen Franzosen (der eigentlich Christian François Bouche-Villeneuve heißt), beginnt an einem abgelegenen Ort. Man hört, aus dem Off, die Stimme einer Frau: „Das erste Bild, von dem er mir erzählte, zeigt drei Kinder auf einer Straße in Island, 1965. Er sagte mir, es sei für ihn ein Bild des Glücks, und auch, daß er mehrmals versucht habe, es mit anderen Bildern in Verbindung zu bringen – aber das sei nie gelungen; Er schrieb mir: ‚Ich werde es eines Tages ganz allein an den Anfang eines Films setzen und lange nur schwarzes Startband darauf folgen lassen. Wenn man nicht das Glück in dem Bild gesehen hat, wird man wenigstens das Schwarze sehen.“

Die Stimme der Frau (Alexandra Stewart im Original, Charlotte Kerr in der deutschen Fassung) begleitet die Bilder. Sie liest Briefe von Chris Marker vor. Immer wieder die Formel: „Er schrieb mir“. Er schreibt ihr aus Japan, er schreibt ihr aus Guinea-Bissau, er schreibt ihr aus San Francisco, er schreibt ihr von der Ile de France. Ziemlich am Anfang heißt es im Kommentar: „Er liebte die Vergänglichkeit dieser flüchtigen Momente, diese Erinnerungen, die zu nichts anderem gedient hatten, als eben Erinnerungen zu hinterlassen. Er schrieb: „Nach einigen Reisen um die Welt interessiert mich nur noch das Banale. Ich habe es während dieser Reise mit der Ausdauer eines Prämienjägers verfolgt.’“ Dazu sieht man die Bilder eines Fährschiffs, unterwegs von Hokkaido nach Tokio.

Chris Marker interessiert sich kaum für das Große und Ganze, aber im vermeintlich Banalen entdeckt er das Sublime, das Verschleierte, manchmal auch das Erschreckende. Eine kurze Sequenz über die Ermordung einer Giraffe, nicht von Marker selber gefilmt, aber wie andere Fundstücke und Leihgaben in den Film eingefügt, sagt mehr über den Kolonialismus und die Verletzungen des schwarzen Afrika als eine plane Polemik.