Von Henning Köhler

Der Verfasser der hier zu rezensierenden Habilitationsschrift, Christoph Graf, ist bisher neben dem Berner Historiker Walther Hofer (seinem Herrn und Meister) und dem Journalisten Edouard Calic als Mitherausgeber jener famosen, 1979 in der ZEIT-Serie „Geschichte aus der Dunkelkammer“ als Sammelsurium dreister Fälschungen entlarvten „Dokumentation“ über den Reichstagsbrand von 1933 bekannt geworden. Die bleibende Bedeutung dieser „Dokumentation“ wird wohl darin bestehen, daß sie im historischen Proseminar als Anschauungsobjekt dient, um den Studenten die Notwendigkeit von Quellenkritik zu vermitteln.

Die letzte Ausgabe seiner eigenen, weitverbreiteten Dokumentensammlung über den Nationalsozialismus ergänzte Hofer durch ein abenteuerliches Phantasieprodukt, nämlich eine „Geheimrede“, die Göring am 23. März 1933 vor einem Kreis von „Eingeweihten“ gehalten haben soll. Im Vulgärton ließ der Fälscher den Reichstagspräsidenten Göring die NS-Brandstifter loben, hingegen Polizei und Feuerwehr hemmungslos beschimpfen, weil sie zu schnell zur Stelle waren und tatkräftig gelöscht hätten.

Hofers Organ für Quellenkritik ist offenbar unzulänglich ausgebildet, hat er es doch kürzlich fertiggebracht, Hans Mommsens vernichtender Rezension des 2. Bandes der Hoferschen Reichstagsbrand-„Dokumentation“ entgegenzuhalten: „Der Vorwurf, die Materialien aus dem Nachlaß von Richard Breiting seien Fälschungen, entbehrt jeder Grundlage. Vielmehr wird ihre Echtheit durch eidesstattliche Erklärungen von engsten Familienmitgliedern einwandfrei bestätigt.“ Es wäre schlimm, wenn die Geschichtswissenschaft auf dieses Niveau herabsänke, als Kriterium für die Echtheit von Quellen die affirmativen Aussagen von Familienangehörigen zu akzeptieren.

Und nun hat Hofers Schüler seine Habilitationsschrift veröffentlicht:

Christoph Graf: „Politische Polizei zwischen Demokratie und Diktatur. Die Entwicklung der preußischen Polizei vom Staatsschutzorgan der Weimarer Republik zum Geheimen Staatspolizeiamt des Dritten Reiches“, mit einem Vorwort von Walther Hofer; Colloquium Verlag, Berlin 1983, 457 S., 78,– DM.

Graf hat sich viel vorgenommen; er geht seiner Meinung nach „methodisch von organisationsgeschichtlichen, pragmatischen, prosopographischen und politologischen Fragestellungen aus und will vor allem ein Problem der Kontinuität aufzeigen: Welche Linien führen von der preußischen Politischen Polizei am Ende der Weimarer Republik zu den Mitarbeitern der Ende April 1933 gegründeten Gestapo? Nun ist er nicht der erste, der sich mit dem Thema beschäftigt. Erinnert sei nur an die scharfsinnige Arbeit von Aronson, der den Aufstieg Heydrichs und die Entwicklung der Gestapo auch vor ihrer Übernahme durch die SS eindrucksvoll dargestellt hat.