Hohe Verluste in den Vereinigten Staaten zwingen Nattermann zu Grundstücksverkäufen

Für den erfolgsgewohnten Pharma-Konzern Nattermann in Köln am Rhein war es eine bittere Pille: Zum ersten Male seit der Gründung im Jahre 1906 – durch den Kaufmann Rudolf Lappe und den Apotheker August Nattermann – mußte das Unternehmen für 1981 rote Zahlen ausweisen. „Mit 1,1 Prozent vom Umsatz bewegt sich der Verlust zwar in erträglichen Grenzen“, beruhigte sich die Geschäftsleitung selbst, kündigte aber dennoch Konsequenzen an.

Im Geschäftsbericht wurde präzisiert, was damit gemeint war: „Zu diesen Konsequenzen gehört vor allem eine Ausweitung der Geschäftsaktivitäten im Ausland.“ Und da konnte man gleich das Kaninchen aus dem Zylinder zaubern: „Die wichtigste Akquisition im Jahre 1981 war zweifellos der Erwerb der Lemmon Comp. in Sellerswill/USA.“ Inzwischen möchte man das Geschäft allerdings gern ungeschehen machen. Denn Lernmon hat bisher nichts als Ärger und Verluste produziert. Und die Konsequenz aus dieser „wichtigen Akquisition“ ist unter anderem, daß Nattermann vierzig Prozent seiner Kölner Grundstücke für 42 Millionen Mark an die Deutsche Anlagen-Leasing GmbH verkauft und zurückleast, um Liquidität zu gewinnen.

Noch Mitte vergangenen Jahres machte die Geschäftsleitung freilich den Versuch, den Verlusten in den Vereinigten Staaten eine positive Seite abzugewinnen. Denn da war im Geschäftsbericht für 1981 die Rede von „Anlaufverlusten, die es uns ermöglichten, eine steuerfreie Rücklage nach dem Auslandsinvestitionsgesetz in Höhe von zirka 14 Mio. DM zu bilden“. Diese Vernebelungstaktik täuschte offenbar auch den Aufsichtsratsvorsitzenden Rolf Lappe – ein Sohn des Gründers. Als die Schwaden sich verzogen, machte er jedoch reinen Tisch und setzte den Vorsitzenden der Geschäftsführung Otto R. Wagner nebst einigen leitenden Mitarbeitern Anfang Dezember vergangenen Jahres vor die Tür. Wagner, der dem Hause Nattermann lange Zeit als Spitzenmanager angehörte, hatte erst im Mai 1980 von Lappe die Leitung der Geschäftsführung übernommen.

Inzwischen regiert in Köln Heinz Wernicke, der unter Wagner stellvertretender Leiter der Geschäftsführung war. Er legt schonunglos offen, was in USA passiert ist: Zusammen mit einigen anderen Pharma-Aktivitäten hat Lemmon knapp zwanzig Millionen Dollar gekostet und bis heute Verluste in gleicher Größenordnung produziert. Die Risiken des US-Engagements habe man zwar erkannt, sagt Wernicke, Verluste in dieser Höhe jedoch nicht erwartet. Zusätzlich belastend wirkte sich aus, daß die Kölner bei der Finanzierung der Verluste voll in die amerikanische Hochzinsphase geraten sind.

War ursprünglich geplant, den US-Umsatz von rund 24 auf 100 Millionen Dollar auszuweiten, so ist jetzt Ernüchterung eingekehrt. Nicht mehr Expansion, sondern Konsolidierung ist die Parole. „Weniger Umsatz, aber befriedigende Rendite“, sagt Wernicke dazu. Und Nattermann hatte Glück im Unglück. Für Teile des US-Engagements fand sich ein Käufer, der gut dreizehn Millionen Dollar auf den Tisch legte. Statt 250 Produkten in drei verschiedenen Fabriken produziert Lemmon nun nur noch 25 Erzeugnisse in einem einzigen Werk. Damit macht die US-Tochter 25 Millionen Dollar Umsatz und erzielt Gewinne.

Die Dachgesellschaft des Nattermann-Konzerns, die A. Nattermann & Cie GmbH, hat 1981 rund fünf Millionen Dollar in die USA geschickt, 1982 waren es fünf Millionen Mark. Überdies bürgt sie für Kredite in Höhe von 35 Millionen Dollar, die Lemmon bei amerikanischen Banken aufgenommen hat. Das soll nun mit Hilfe von 23,7 Millionen Mark Gewinn aus dem Verkauf der Kölner Besitztümer – darunter das Verwaltungsgebäude – konsolidiert werden.