Dagegen spricht die Erfahrung des Flugkapitäns Chun Byung In, der 10 500 Flugstunden hinter sich hatte. Er wäre vor einem hochreichenden Gewitter allenfalls nach Süden, nicht aber nach Norden, in sowjetisches Hoheitsgebiet, ausgewichen. Auch die Positionsmeldungen der Maschine an den international festgelegten Checkpoints decken sich nicht mit dieser Theorie.

2. Der Pilot wollte Zeit und Sprit sparen und wählte deshalb den direkten Weg nach Seoul, der durch sowjetischen Luftraum führte.

Tatsächlich wird die KAL gern von Fluggästen gebucht, weil sie mit die billigsten Flugpreise in Asien anbietet, weit unter den offiziellen IATA-Sätzen. Offensichtlich aus Profitgründen bevorzugen die Koreaner von den fünf Routen im Luftkorridor zwischen Alaska und Japan die Romeo 20, die nur knapp 30 Kilometer am sowjetischen Luftraum vorbeiführt. Die nächste Luftstraße verläuft 75 Kilometer weiter östlich. Aber auch die Romeo 20 ist immer noch ein Umweg, auf dem mehrmals der Kurs geändert werden muß.

Gerüchte in Japan besagen, daß die koreanischen Piloten ihre Flüge abkürzen und falsche Positionsmeldungen durchgäben, um die Bodenkontrolle in Sapporo zu täuschen. Angeblich schalten sie über längere Zeit ihren "Transponder" aus. Das ist ein Gerät, welches den Radarlotsen am Boden den Standort der Maschine, ihre Flughöhe und ihre Identität kundtut. Dazu paßt die sowjetische Behauptung, die koreanische Maschine sei zur Nachtzeit ohne Positionslichter geflogen.

Es ist aber kaum glaubhaft, daß es einen von der Fluggesellschaft geduldeten oder gar angeordneten "Brauch" gegeben habe, von der vorgeschriebenen Luftstraße abzuweichen und das Ziel auf dem kürzeren Wege über russisches Hoheitsgebiet anzusteuern. Allen Piloten werden vor dem Start in Anchorage Navigationsmappen ausgehändigt, auf denen die sowjetischen Militär-Sperrzonen eingezeichnet sind, die nicht ohne Genehmigung überflogen werden dürfen. Über Sachalin, also nahe der Absturzstelle des Jumbos, prangt auf der Karte sogar ein Stempel mit großen Buchstaben, demzufolge Eindringlinge dort ohne Warnung abgeschossen werden können. Doch Generalmajor a. D. George Keegan jr., einstiger Chef des Nachrichtendienstes der US-Luftwaffe, meint, die koreanischen Piloten, allesamt ehemalige Militärflieger, riskierten zuviel. "Was jetzt geschehen ist, haben sie selber herausgefordert."

3. Ein technischer Defekt (Stromausfall, Zusammenbruch des Navigationssystems) hat die Kursabweichung verursacht.

Nicht leuchtende Positionslichter könnten ein Indiz dafür sein, daß aller Strom in der Maschine ausgefallen war, so daß nächst den Lichtern auch die Navigationsinstrumente ihren Geist aufgegeben hätten. Andererseits: Der letzte Funkkontakt mit der japanischen Bodenstation bestand noch unmittelbar vor dem Verschwinden der Boeing. Wer aus einem Flugzeug Sprechfunk-Verkehr betreiben will, braucht dazu elektrischen Strom.