Leonard Zelig ist ein Mann ohne Eigenschaften, ein Verwandlungskünstler, ein menschliches Chamäleon. In der Gegenwart eines dicken Mannes verwandelt er sich zugleich in einen Fettkoloß. Wenn er einen Schwarzen trifft, nimmt er augenblicklich dessen Hautfarbe an. Und noch auf der Psychiatercouch, auf der das Genie der totalen Anpassung unweigerlich landet, verblüfft Zelig die Ärztin mit seinen Fachkenntnissen. Er habe, sagt er, bei Freud studiert: "Wir zerstritten uns über dem Konzept des Penisneids. Freud meinte, er sollte Frauen vorbehalten bleiben."

Leonard Zelig ist eine historische Figur. Cole Porter schrieb einen Song über ihn (der unvollendet bleiben mußte, weil dem Komponisten kein Wort einfiel, das sich auf Zelig reimte). Zwei Präsidenten empfingen ihn. New York ehrte ihn mit einer Konfettiparade. In den zwanziger Jahren tanzte Amerika nicht nur zum Charleston, sondern auch zum Chamäleon: der wurde Leonard Zelig zu Ehren kreiert.

Ein Dokumentarfilm rekonstruiert Zeligs unglaubliche Karriere: aus zerkratzten stummen Schwarzweißaufnahmen, aus vergilbten Photos, aus unscharfen Privatfilmen und heftig knisternden frühen Tonbandaufzeichnungen. Zwischendurch kommen greise Zeitgenossen des Geheimnisvollen zu Wort. Aber auch Experten anderen Kalibers werden vor der Kamera zum Phänomen Zelig befragt: Susan Sontag, Bruno Bettelheim, Saul Bellow.

Leonard Zelig ist eine Fiktion. Leonard Zelig ist Woody Allen: die jüngste, die gewagteste Erfindung des mit unheilbarer Melancholie geschlagenen Stadtneurotikers, der schon seinen Film "Stardust Memories" jener amerikanischen Obsession widmete, die Starkult heißt. In "Zelig", dem ersten Höhepunkt der Film-Biennale von Venedig, treibt Woody Allen die autobiographische Reflexion über den Fluch der Berühmtheit in schwindelerregende Höhen der komischen Absurdität. Er verkriecht sich in einer Figur, die nie wirklich eine werden kann, weil sie ihre Identität so schnell wechselt, daß eine Nähe zu ihr unmöglich bleibt. Zeligs Ruhm (der ihn verfolgt) beruht auf der zur körperlichen Deformation gewordenen Sucht, allen alles recht zu machen: geliebt zu werden um den Preis des totalen Identitätsverlusts. Zelig erfährt die Welt als Bedrohung. So geht er spurlos in ihr auf.

Unter den großen Komödien von Woody Allen ist "Zelig" die schwärzeste, die hintergründigste, zugleich eine gnadenlose Parodie auf die verbrauchten Stilmittel des herkömmlichen Dokumentarfilms mit seinem allwissenden Kommentator, seinen optischen und akustischen Manipulationen. Das gefälschte Dokument "Zelig" erweist sich auch als ein Versuch über die Natur des Fälschermediums Kino.

Die Wirklichkeit ist eine Einbildung, das Leben ein Roman, die Geschichte der Menschen eine Geschichte ihrer Phantasien. Dort wo das Kino interessant war bei diesem venezianischen Festival, lehrte es das Mißtrauen gegen den Augenschein, den ersten, flüchtigen Blick auf eine Realität, die es nicht gibt, die sich in tausend Chimären auflöst, sobald man sie zu berühren trachtet. Die Zeit der Sicherheiten ist vorbei. Jedes Bild ist eine Fälschung.

Ein sinnenverwirrendes Puzzle aus drei Geschichten, drei Stilen, drei Welten. Ein Labyrinth, ein Serail, ein Labor. Eine Komödie, eine Oper, ein Comic strip. In seinem neuen Film "Das Leben ist ein Roman" lädt Alain Resnais, der Marienbad und Hiroshima für das Kino erfunden hat, den Betrachter ein zu einer phantastischen Reise durch einen seltsam wuchernden Dschungel der Fiktionen. Der Film ist so verwinkelt und verwunschen wie das Ardennenschloß, in dem sich seine Figuren treffen: kurz nach dem Ersten Weltkrieg zu einer opiumschweren Séance, die der Erbauer dieses bizarren Tempels des Glücks, ein bleicher Edelmann, veranstaltet; 1982 zu einem wissenschaftlichen Seminar über die "Erziehung der Imagination"; in einem mit gemalten Kulissen ausgestatteten Comic strip-Mittelalter, das Barbaren und Hexen bevölkern. Direkte Berührungen zwischen den drei Ebenen finden nicht statt, aber aus den unzähligen Reibungen und Brechungen entstehen magnetische Felder der Phantasie. An denen bleibt der Zuschauer, in immer neue Wonnen und Wirren gestürzt, lustvoll hängen. "Das Leben ist ein Roman" ist ein Film des grenzenlosen Überflusses. Um sich ein Bild zu machen, muß man sich viele Bilder machen. Und keines paßt zum nächsten.