ZDF, Montag, 12. September, 21.20 Uhr: "Hanna von acht bis acht", Fernsehspiel von Klaus Poche (Buch) und Egon Günther (Regie)

Hanna weiß Bescheid: "Ich sage immer: Hier treffen sich die Gegensätze. Und die lieben sich nicht unbedingt." Hanna, eine Frau um die Vierzig, verwaltet einen Fluchtort: die Bar eines großen Berliner Hotels. Tausend Nächte hinter der Theke haben sie gelehrt, auch das Allzu-Menschliche nicht zu verachten. Hanna hört zu. Hanna tröstet. Hanna paßt auf. Hanna macht sich keine Illusionen.

Der Autor Klaus Poche und der Regisseur Egon Günther haben einen ungewöhnlichen Film gemacht: kein tristes naturalistisches Nachtbild, sondern ein großes Melodram aus lauter winzigen Melodramen. Ein Ensemble von Aufschneidern, Abschleppen, Träumern, Verlierern und schon Verlorenen versammelt sich in der Art-Déco-Kulisse, aus der die wirkliche Welt ausgeschlossen bleibt. Aber am Ende läßt sie sich nicht ignorieren. Draußen vor der Tür zieht eine Demonstration vorbei. Steine fliegen, eine Scheibe zersplittert. Und in dieser Nacht verliert Karl, der stille Trinker, seine Wette mit dem Tod. Am Morgen besucht Hanna ihren besten, ihren unglücklichsten Kunden im Leichenschauhaus.

"Hanna von acht bis acht": die Geschichte einer Nacht, destilliert aus vielen Geschichten. Das ist wahrlich keine neue Erzählkonstruktion, aber mit ihrem Mut zum Melodram, zur expressionistischen Übersteigerung des Alltäglichen vermitteln Poche und Günther ihr eine überraschende Vitalität. Das Personal dieses intimen Höllenspiels bleibt im Gedächtnis: der zynische Vertreter, das alte jüdische Ehepaar, der smarte Verleger, die sensible Märchensammlerin, die schüchterne Serviererin. Und natürlich Angelica Domröse als Hanna: klug, melancholisch, müde, aufbegehrend. Das Gesicht dieser bedeutenden Schauspielerin ist eine phantastische Landschaft.

Je später der Abend, desto schräger die Situationen, desto greller die Effekte. Poche und Günther leben überlebensgroße Gesten und Gefühle, den tiefsten Weltschmerz, die komischsten Peinlichkeiten. Sie haben keine Angst vor dem puren Kitsch, der ihnen gelegentlich unterläuft. "Hanna von acht bis acht" ist ein riskantes Unternehmen (und das allein zeichnet dieses Fernsehspiel schon vor fast allen anderen aus) eine grandiose Mischung aus guten Bildern und schlechtem Geschmack, aus falschem Weltschmerz und richtigem Pathos. Ein spannender Kraftakt.

Hans-Christoph Blumenberg