Am 26. August 1983 ist Herwig Blankertz – wenige Wochen vor Vollendung seines 56. Lebensjahres – an den Folgen eines Verkehrsunfalls gestorben. „Der Tod stellt die Frage nach dem Leben.“ Der vorzeitige, ganz und gar zufällige Tod stellt sie doppelt dringlich und schmerzlich.

Eines anderen Mannes Leben wäre mit dem, was Herwig Blankertz erlebt und geleistet hat, mehr als erfüllt: Sein Schriftenverzeichnis umfaßt über 250 Titel, darunter Bücher mit hoher Auflage: er war ein ebenso leidenschaftlicher wie strenger wie erfolgreicher Universitätslehrer; seine Zunft hat ihn in ihre höchsten Ämter gewählt; unter seinem Vorsitz hat die Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft ein Bewußtsein von der politischen Verantwortung ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit gefaßt, gezeigt, gemeinsam ertragen; er hinterläßt, was wenigen Pädagogen vergönnt ist, Spuren in der Wirklichkeit des Bildungswesens: mit einem neuen Unterrichtsgegenstand und -typ, der „Arbeitslehre“, mit neuen Formen der „Politikberatung“ und vor allem mit 20 Kollegschulen in Nordrhein-Westfalen; in ihnen hat er nicht nur eine, eigene Theorie der gesellschaftlichen Funktion, des geschichtlichen Wandels und des immanenten Gesetzes der Pädagogik und ihrer Institutionen verwirklicht, er hat ihren Ertrag durch Forschung gesichert, wofür er eine besondere Form entwickelt hat; um ihn bildete sich, worum ihn viele von uns beneiden, eine eigene akademische Schülerschaft – lauter sehr verschiedene Menschen, die sich einzeln eindeutig auf ihren Meister berufen –, darin in unserer Zeit nur Herman Nohl und Erich Weniger vergleichbar, deren Seminar er selber entstammte.

Als wir vor einem Monat von Heinrich Roth Abschied nahmen, blickten wir auf ein abgerundetes pädagogisches Lebenswerk. Das von Herwig Blankertz versprach noch so viel. Mit seinem Tod war seinen Freunden, Schülern und Kollegen plötzlich klar, wieviel sie über das Geleistete hinaus von ihm erwarteten – nicht notwendig neue Erkenntnisse, neue Ideen, neue bildungspolitische Akte, sondern geistige Ermutigung durch die ihm eigene Kraft ordnenden und unabhängigen Denkens. Er hatte gerade letzte Hand an den Abschlußbericht über die Auswertung der „Kollegstufe NW“ gelegt, eines Modellversuchs, in dem die Kollegiaten eine wissenschaftliche Allgemeinbildung und eine erste berufliche Ausbildung miteinander verbinden: Am Ende haben sie ein Abitur oder eine Fachhochschulreife und die Qualifikation für den Eintritt in einen Beruf – als Schweißer oder als chemischer Laborant oder als Kaufmann –, ermöglicht durch eine sinnreiche Kombination von Schwerpunkten, hie Fremdsprachen oder Pädagogik, Physik oder Sport, da das entsprechende Berufsfeld.

Blankertz hatte seinen Schreibtisch freigearbeitet von einer Aufgabe, die er 1970 begonnen hatte, für einen neuen Lebensabschnitt. Nun wollte er mit einem seiner Söhne noch einmal Griechisch lernen und sich dem widmen, wozu ihn Begabung, Neigung und Lebenserfahrung drängten: zu dihairesis und Synagoge, zu philosophischem und systematischem Ordnen unserer wuchernden und zugleich verkümmernden Pädagogik. Der Lehrstuhl, den er seit 1969 an der Universität Münster innehatte (und den es an jeder Fakultät geben sollte, die Erziehungswissenschaft und Lehrerbildung treibt), trägt die Bezeichnung „für Pädagogik und Philosophie“. Aber Blankertz hätte auch jeden anderen Lehrstuhl für Pädagogik mit der unerbittlichen rationalen Prüfung der Begriffe und Erscheinungen ausgefüllt, die wir Aufklärung nennen – mit einer ansteckenden Verpflichtung gegenüber der kollektiven Vernunft, mit einer durch Kritik haltbar und aushaltbar gemachten Treue zum Prinzip der Wissenschaft.

Drei Probleme ist er mutig und mit eindrücklicher Konsequenz angegangen:

1. Er hat die Hinfälligkeit der Humboldtschen Trennung von Bildung und Ausbildung im Zeitalter der technischen Zivilisation theoretisch verdeutlicht und Wege für ihre praktische Vereinigung gezeigt: In der heutigen Organisation und Substanz rationalisierter Arbeit stecken nicht nur die Ansprüche auf Abstraktion und gesellschaftliche Theorie, sondern die allgemeinen Anlässe und Mittel zu ihrer Erlernung. Umgekehrt ist eine Bildung, die die Gesellschaft, die Ökonomie, die Technik ausklammert, nicht mehr allgemein. Die gefürchtete Unterwerfung der Bildung unter den Funktionalismus der Berufe hat er – anders als seine ungeduldigen Gegner behauptet haben – verhindern wollen; er hat das polytechnische System der sozialistischen Länder kritisiert, wo und weil es nicht polytechnisch, sondern kurzschlüssig auf Anwendung aus ist. Es ist beschämend, dauerst die Massenarbeitslosigkeit unserer Tage den Blick für die Notwendigkeit öffnet, die er so lange schon vorhergesagt und für die er eine Antwort vorbereitet hat.

2. Er hat seiner akademischen Disziplin, die den Weg aus der geisteswissenschaftlichen Pädagogik in die Empirie geradezu fluchtartig beschritten hat, erkenntnis- und wissenschaftstheoretisch erklärt, was sie da tut. Wenn irgendwer ganze Generationen von Studenten der Pädagogik davor bewahrt hat, dem blanken Positivismus zu verfallen, die leitende Theorie zugunsten der vorfindlichen und meßbaren Wirklichkeit preiszugeben, nachdem sie den radikalen Zweifel an der Allgemeingültigkeit der Normen und Theorien gekostet hatten, ja, wenn irgendwer sie davor bewahrt hat, umgekehrt in gesellschaftspolitischen Aktionismus auszubrechen, dann war es Herwig Blankertz mit seinem beharrlich und sorgfältig argumentierenden Buch „Theorien und Modelle der Didaktik“. Jenseits der Tradition und der Statistik gibt es eine Eigenstruktur der Pädagogik. Sie ist aufklärerischer Natur.

„Diese Struktur steht in Spannung zu den die Erziehung überformenden und überwältigenden, nichtpädagogischen Normauflagen. Doch auch dann, wenn die Erwachsenen nur die Bewahrung des Vorgegebenen wünschen, nur Gehorsam, Einübung, Nachahmung und Nachfolge verlangen, liegt das Ziel in der Freigabe der Erzogenen ... Wie die kommende Generation ihren Auftrag erfüllen und bewähren wird, kann inhaltlich von den Erziehern nicht vorweggenommen werden ... Das Ganze der Pädagogik, die Erziehung, enthält einen szientistisch nicht einholbaren Sinn. Dieser Sinn ist eine in der europäischen Bildungstradition aufgehobene Realität.“

Blankertz hat die Erziehungswissenschaft zugleich begrenzt und befreit, vor Agnostizismus gerettet und als Wissenschaft kritisierbar gemacht. Mag seine Methode der Rekonstruktion mit Hilfe von Strukturgittern nicht allen einleuchten: Ein solches oder ähnliches Verfahren muß man anwenden, wenn man die Komplexität rational bewältigen will, die die freigesetzte empirische Datenproduktion hervorgebracht hat.

3. Die Erfahrung der Nazizeit und des Krieges hat ihn, wie viele seiner Generation, nie wieder freigegeben: Eine Wiederholung solcher Torheit und Schande zu verhindern, ist auch Aufgabe des wissenschaftlichen Pädagogen. An seiner „Geschichte der Pädagogik von der Aufklärung zur Neuzeit“ kann man das Prinzip ablesen: Wie man die Geschichte rückblickend in einen politischen Auftrag verwandelt. Die Geschichte der Pädagogik hat Blankertz mich ganz neu sehen gelehrt. Sein Buch, für das Funkkolleg geschrieben, hat er im Verlag „Büchse der Pandora“ erscheinen lassen, den sein Sohn betreibt – als Akt der Solidarität mit dem jungen, eigenwilligen Geist. Ein Anarchist ist der Vater Blankertz nie gewesen, aber er hat bei seinem Lehrer Erich Weniger gelernt, daß auch die Begriffsbildung Geschichte hat; er wußte also auch, daß man über keinen Gedanken wirklich verfügt, bis man nicht verstanden hat, daß man ihn auch radikal verneinen kann.

Blankertz war ein Unabhängiger und Engagierter. Das drückte er in allem aus, was er tat. Als er sich an der Fakultät für Pädagogik in Bielefeld vorstellte, tat er dies neben dem Pult stehend in freier Rede, in oft glanzvollen und immer exakten Formulierungen, nachdenklich, die ihm gestellten Ffagen behutsam zurechtrückend und dann bestimmt und ohne Dogmatik beantwortend. Das Bild dieses Mannes mit dem hochgeknöpften schwarzen Rock – eine Mischung aus der Tracht Nehrus und der Franz Liszts –, würdig und menschlich, stark und verletzlich, die eigene anspruchsvolle Stilisierung ganz ausfüllend, dieses Bild werden wir so bald nicht vergessen. Ein überlegener Geist – überlegen durch Wissen und Zweifel. Ihn hätte die deutsche Pädagogik noch lange gebraucht.