Von Hans-Christoph Blumenberg

Es war ein historischer Moment. Auf der Bühne des Festspiel-Palastes von Venedig saß eine illustre Runde und debattierte über die Zukunft des Kinos: Alain Tanner neben Nagisa Oshima, Alexander Kluge neben Bernardo Bertolucci, Ermanno Olmi neben Bob Rafelson. Hatte es je zuvor eine solche Versammlung bedeutender Regisseure gegeben? Und schien nicht der Lido ein idealer Ort zu sein für dieses Treffen der Großen? Alexander Kluge beschwor den Geist von Venedig. Als er Cannes mit Babylon verglich, als er das venezianische Festival zur wahren, zur einzigen Heimstatt des allseits bedrohten Autoren-Films erklärte, rauschte Beifall durch den Saal.

Rund dreißig Berühmtheiten des internationalen Kinos, darunter auch Agnes Varda und Gleb Panfilov, hatten sich auf dem Podium versammelt. Nichts verband sie außer dem Willen, in einer Demonstration von Eintracht den Autoren-Film gegen den Industrie-Film zu verteidigen, die Phantasie-Ware gegen die Handels-Ware. Junge Gesichter sah man kaum in dieser Prominenten-Runde, die, schlecht organisiert, wenig Aufschluß über die Zukunft des Kinos verschaffte. Mit einem gewissen Unbehagen konnte man bemerken, daß die besten Regisseure der Welt inzwischen im Durchschnitt fast doppelt so alt sind wie die Zuschauer in den Kinos. Die sind selten älter als 25 oder höchstens 30.

Gerade in Venedig wurde deutlich, daß das intellektuelle Kino der Autoren, allem Enthusiasmus seiner von Kluge angeführten Grauen Panther zum Trotz, eine künstliche Schutzzone zum Überleben braucht. Denn nicht in Resnais’ „Das Leben ist ein Roman“ oder Kluges „Die Macht der Gefühle“ drängten die jugendlichen Massen, die ihre Karten selber bezahlen mußten, sondern, zu mitternächtlicher Stunde, in die allerneusten Super-Dinger aus Hollywood, auf die selbst das der hohen Kunst geweihte Festival von Venedig nicht verachten mag. Beim Einlaß zum Disco-Hit „Flashdance“ und zum dritten „Star Wart“-Film „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ kam es zu leidenschaftlichen Szenen, zu Prügeleien, zu Zuständen nahe der Massen-Hysterie. Die Sonderreihe „Venezia Notte“, dem schieren Kommerz gewidmet (hier lief auch Peter Schamonis „Frühlingssinfonie“), geriet zum größten Zuschauer-Erfolg der Film-Biennale: wahrscheinlich nicht zum ungebrochenen Entzücken der Veranstalter.

Venezianische Bilder. Eine Stadt im Morgengrauen, still, verzaubert, in ein kostbares Zwielicht getaucht. Man sieht dokumentarische Impressionen eines großen Regisseurs, der einen kurzen Traum von Venedig träumt. Länger als dreißig oder vierzig Sekunden darf der Traum nicht dauern, weil ihm eine profane Botschaft folgen muß: „Wenn die Nacht geht, kommt Nes-Café.“ Ein Werbe-Spot von Ermanno Olmi, 1969 für den Nestlé-Konzern gedreht, einer von vielen kurzen Reklame-Filmen italienischer Regisseure.

Die Liste der Namen ist nicht weniger glanzvoll als die des Autorenfilmer-Treffens in der Sala Grande, zum Teil sogar identisch. Olmi, im „Holzschuhbaum“ der Poet des reinen Lebens auf dem Lande, stellte seine Kunst auch in den Dienst von Cinzano. Paolo und Vittorio Taviani, die Autoren von „Padre Padrone“ und „Die Nacht von San Lorenzo“, warben für BP und Wührer-Bier. Giuliano Montaldo, berühmt geworden durch die antikapitalistische Ballade „Sacco und Vanzetti“, macht, mit dem Fußball-Torwart Dino Zoff, Reklame für Speiseöl. Und sogar der große Antonioni, der Sensibelste unter den Sensiblen, war sich nicht zu schade, 1982 eine Miniatur zum höheren Ruhm des Renault 12 zu drehen.

So verlaufen die Fronten im heiligen Krieg zwischen dem Autoren-Film und dem Industrie-Film doch erheblich unübersichtlicher, als es den Verfechtern der reinen Lehre lieb sein dürfte. Zu lernen gibt es daraus nichts: höchstens, daß nicht unbedingt Schaden an seiner Seele nimmt, wer sich einläßt auf die profaneren Dinge des Lebens. Andererseits könnten Olmi, die Tavianis und Antonioni erleichtert gewesen sein, daß sie diese Arbeiten anonym verrichten durften.