Julij Kwizinski: Er kennt die Deutschen in Ost und West, doch er schätzt sie nicht

Von Dettmar Cramer

Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt; dieses Sprichwort könnte auch über der – bisherigen – Karriere des sowjetischen Diplomaten Julij Alexandrowitsch Kwizinski stehen. Nicht nur, weil der Vater zweier Töchter mit einer Französischlehrerin verheiratet ist; während seiner Jahre als Gesandter in Bonn hat Kwizinski mehr als einmal durchblicken lassen, daß er Paris als Posten weitaus lieber gehabt hätte: der französischen Lebensart wegen, der er zugetan ist, aber auch um der kulinarischen Genüsse willen. Vielleicht deshalb, weil der sowjetische Diplomat gebürtiger Pole ist und in Sibirien eine schwere Jugend verbracht hat.

Doch Kwizinski mußte sich vor allem mit der deutschen Frage befassen, als Botschaftsrat in Ost-Berlin ebenso wie als langjähriges Mitglied der Dritten Europäischen Abteilung des sowjetischen Außenministeriums. Diese ist für die deutschsprachigen Länder zuständig, neben den beiden Deutschlands auch noch für die Schweiz und Österreich. Dabei hat Kwizinski für die Deutschen keine sonderliche Vorliebe, weder für die Deutschen-West noch für die Deutschen-Ost. Mit beiden kann er im Grunde nicht viel anfangen. Und beide ließ er spüren, daß sie den Krieg verloren hatten, und zwar gemeinsam.

Schon zu Beginn der siebziger Jahregalt Kwizinski als ein Mann, der das besondere Wohlwollen, und das heißt Vertrauen, des sowjetischen Außenministers genoß. Er war es, der die eigentliche Federführung während der ebenso mühsamen wie langwierigen Viermächte-Verhandlungen im Berliner Kontrollratsgebäude innehatte, nicht Botschafter Abrassimow. Damals, vor zwölf Jahren, war man zum erstenmal auf diesen jungen, fähigen Diplomaten aufmerksam geworden. Obwohl heute erst 46 Jahre alt, spielte er bereits in jener Phase eine entscheidende Rolle.

Wenn Günter van Well, Bonns derzeitiger Vertreter bei den Vereinten Nationen, während der Viermächte-Verhandlungen auf westlicher Seite eine zentrale Funktion innehatte, so hieß sein Pendant in Ost-Berlin Julij Kwizinski; wenn van Well nach dem Ende der Verhandlungen von den westlichen Diplomaten anerkennend als „father by artificial Insemination“ eben jenes Abkommens apostrophiert wurde, so müßte die gleiche Auszeichnung – aus Moskauer Sicht – dem damaligen sowjetischen Botschaftsrat zuerkannt werden. Denn er war es, der nach manchen Sitzungen, bei denen es keinerlei Bewegung gegeben hatte, am Ende eine durch und durch ausgefeilte Kompromiß-Formel präsentierte.

Natürlich nicht aus eigenem Gusto; derartige Eigenwilligkeiten können sich – bestenfalls – westliche Diplomaten leisten. Kwizinski besaß in jener Zeit aber nicht nur die besten Kontakte zur Dritten Europäischen Abteilung. Unter Eingeweihten galt er schon damals als derjenige, dessen Fäden im sowjetischen Außenministerium bis ganz nach oben reichten, zu Andrej Gromyko persönlich. Daran dürfte sich bis zum heutigen Tage nichts geändert haben, speziell bei den Genfer Verhandlungen über eine Begrenzung der Mittelstrecken-Raketen.

Kwizinski ist überdies der Urheber manch schwammiger, in jedem Fall mehrdeutiger Formulierung im Viermächte-Abkommen, über deren zutreffende Auslegung Ost und West bis zum heutigen Tag streiten. Diese Kunst ist dem Juristen Kwizinski in ganz besonderem Maße eigen. Vielleicht auch deshalb, weil er ungewöhnlich sprachbegabt ist und außer Deutsch noch fließend Englisch, Französisch, Schwedisch und Polnisch spricht. Zusammen mit dem Leiter der Dritten Europäischen Abteilung, Bondarenko, war Kwizinski Verfasser einer 1978 veröffentlichten sowjetischen Studie: „Das Vierseitige Abkommen über Westberlin und seine Realisierung“. Auch dort kann man seine Interpretations-Kunststücke nachlesen.

Von diesen seinen spezifischen Fähigkeiten dürfte Kwizinski in Genf regen Gebrauch machen. Daß er vor zwei Jahren in Bonn (durch einen Telefonanruf aus Moskau) zum Botschafter und sowjetischen Verhandlungsführer ernannt wurde, hängt ganz sicherlich mit jener Berliner Bewährungsprobe zusammen. Diese hat er in den Augen Gromykos gewiß mit Glanz bestanden. Überdies versteht er wie kaum ein anderer sowjetischer Diplomat die Seelenlage der Deutschen, hüben wie drüben. Doch in Moskau hatte man längst erkannt, daß der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt am Ende seiner Amtszeit ein General ohne Truppen, daß ihm die eigene Partei in der Raketenfrage Mehrheitlich davongelaufen war.

Kwizinski wußte (und weiß) jedenfalls, welchen Winkelzug man in Genf machen mußte, um in der Bundesrepublik Deutschland bei den Gegnern des Nato-Doppelbeschlusses den größtmöglichen Effekt zu erzielen. In mancher wirksamen diesbezüglichen Einlassung des Breschnjew-Nachfolgers Andropow glaubt man denn auch seine Handschrift, zumindest seine Anregungen zu erkennen. Daß er in Wien während einer zweijährigen Gastrolle bei den Truppenreduzierungsverhandlungen (MBFR) spezifische Erfahrungen sammeln konnte, war gewiß nicht der Hauptgrund für seine – auch für ihn überraschende – Berufung zum Chefunterhändler in Genf.

So gut er die Deutschen kannte, so wenig hatte Kwizinski in Bonn und Berlin mit ihnen im Sinn. Mitunter konnte seine kühle, ja herrische Art verletzend sein, etwa, wie er mit deutschen Gesprächspartnern umging. Kwizinski fühlte sich stets als Vertreter der einen Weltmacht, und als solcher legte er wesentlich mehr Wert auf den Umgang mit amerikanischen Diplomaten als mit Vertretern jeder anderen Nation; Amerikaner waren stets seine bevorzugten Gesprächspartner. In Genf hat er jetzt dazu reichlich Gelegenheit. Wenn er auch lieber in Paris amtierte, jener Umgang entschädigt ihn, wie übrigens auch die welsche Schweiz seinen persönlichen Neigungen entgegenkommen dürfte.

Ansonsten ist Julij Kwizinski das, was man in früheren Zeiten gemeinhin einen „Imperialisten“ genannt hätte. In Bonn war es, kurze Zeit nach dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan, daß Kwizinski in einem Gespräch auf neutralem (schwedischen) Boden sein wahres Naturell erkennen ließ. In einem Gespräch mit dem damaligen polnischen Botschafter in der Bundesrepublik, einem Sohn des ersten Nachkriegspräsidenten Bierut, und einem (vermeintlich) osteuropäischen Diplomaten gab der sowjetische Gesandte die Losung aus: im Frühjahr werde die sowjetische Armee mittels einer großen Offensive den Widerstand der Afghanen endgültig „liquidieren“, und „danach bringen wir ihnen unsere Kultur, wie wir zuvor den Turkmenen unsere Kultur gebracht haben“.

Das bezog sich auf die Eroberung Samarkands durch das zaristische Rußland, und ähnlich verhält (oder verhielt) es sich, zumindest in der Vorstellung Kwizinskis, mit Afghanistan. Jedenfalls ist er ein Mann klarer Worte, die er bei aller Brutalität mit fast gewinnender Freundlichkeit vorzutragen pflegt. Gleichgültig, wieviel Zynismus dabei mitschwingt: Es liegt auf der Hand, daß Kwizinski als Vertreter der jüngeren Diplomaten-Generation ganz, nach dem Geschmack eines Andrej Gromvko ist. Nicht zuletzt deshalb sagen ihm manche sowjetischen Gesprächspartner noch eine große Karriere voraus. Auf jeden Fall hat sie mit seinem jetzigen Botschafterstatus nicht ihr Ende gefunden.

Wenn Julij Kwizinski vor gut einem Jahr mit seinem amerikanischen Kontrahenten Paul Nitze die Formel vom sogenannten Waldspaziergang verabredet hatte, dann kann man sicher sein, daß dies nicht auf eigene Rechnung geschehen ist. Da mag vor allem viel Taktik mit im Spiel gewesen sein. Jedenfalls lehnten die Amerikaner die Kompromißformel ab, nachdem nicht, wie in Genf vereinbart, über die sowjetische Botschaft in Washington das verabredete positive Signal aus Moskau eingetroffen war. Ob es in der jetzigen Schlußrunde der Mittelstreckenverhandlungen eine Neuauflage jenes „Waldspaziergangs“ geben wird, bezweifeln die Fachleute. Andererseits spricht wenig dagegen, daß Kwizinski und Nitze am Ende nicht doch noch einen tragfähigen Kompromiß aushandeln werden.