Von Reinhard Breuer

Bei Laien erregte die kosmische Katastrophe bislang allenfalls sanftes Gruseln als dramatischer Hintergrund eines Science-fiction-Films. Für Experten jedoch ist der infernalische Kollaps eines schweren Sterns zu einem Schwarzen Loch mehr als nur ein mit physikalischen Parametern beschreibbares Desaster draußen im All: Es rüttelt an der elementaren Vorstellung, daß sich die Welt eindeutig physikalisch beschreiben läßt.

Was sich im Innern eines Schwarzen Lochs abspielt, beunruhigt die Astrophysiker schon seit der (theoretischen) Entdeckung der bizarren Himmelskörper: Sobald der Strahlungsdruck der Kernfusionsprozesse im Sterneninneren erlischt, stürzt die Materie in sich zu einem unendlich kleinen Punkt zusammen, in dem Temperatur und Dichte unendlich groß werden. Solche singulären Punkte, im Fachjargon Singularitäten genannt, sollten nach Meinung der Wissenschaftler besser vor dem Rest der Welt verborgen bleiben. Denn was aus Singularitäten herauskomme, so schauderten die Theoretiker, sei naturgesetzlich nicht bestimmt. Damit aber entzöge sich die Welt im Einflußbereich der Singularitäten der eindeutigen physikalischen Beschreibung.

In ihrer Beweisnot handelten die Forscher menschlich. Nach dem Motto, daß nicht sein kann, was nicht sein darf, hegten sie lange Jahre die Vermutung, ein mildtätiger „kosmischer Zensor“ würde derlei physikalische Greuel stets innerhalb der Schwarzen Löcher und somit vor uns verborgen halten. Und sie postulierten, daß wir keine Singularitäten direkt sehen könnten (diese müßten dann ja sozusagen „nackt“ sein).

Jetzt bringt der griechische Theoretiker Demetrios Christodoulou ein schwerwiegendes Argument gegen die Hypothese vom „kosmischen Zensor“ vor. Der bis vor kurzem am Max-Planck-Institut für Astrophysik in Garching bei München arbeitende Wissenschaftler legt damit nahe, daß die Natur möglicherweise nicht ganz so „heil“ ist, wie es sich Kosmologen wünschen würden.

Schlimmer noch: Die Arbeit des 31jährigen Griechen läßt sich nicht als Werk eines Außenseiters abtun, wurde er doch 1980 mit der Otto-Hahn-Medaille der Max-Planck-Gesellschaft für junge Wissenschaftler ausgezeichnet.

Die Hypothese vom „kosmischen Zensor“ war erstmals 1969 von dem britischen Theoretiker Roger Penrose an der Universität von Oxford formuliert worden. Er sah sich „mit der vielleicht fundamentalsten Frage der Kollapstheorie“ konfrontiert: „Existiert ein kosmischer Zensor, der das Auftauchen ,nackter Singularitäten’ verbietet und sie stets im Innern eines Schwarzen Loches verbirgt?“