Von Peter Hamm

Ist aus dem Geologen Sorgen der in Peter Handkes Buch "Langsame Heimkehr" von Amerika in seine österreichische Heimat zurückkehrte, dort ein "Chinese des Schmerzes" geworden? Wer den Titel, den Peter Handke seinem neuen Buch – er nennt es weder Roman noch Erzählung – zugedacht hat, zunächst entweder überliest oder lediglich als Ankündigung von etwas vage Schmerzlichem und vielleicht auch Exotischem versteht, wird sich bei der Lektüre bald aufgerufen fühlen, der merkwürdigen Metapher mehr Plausibilität abzugewinnen.

"Chinese": Das steht doch wohl für Fremdheit und Distanz, aber auch für Gelassenheit, Weisheit und lächelnde Ironie, also lauter Eigenschaften, mit deren Hilfe Schmerz sublimiert, Schmerz bewältigt und fruchtbar gemacht werden kann. Und wenn der letzte Satz dieses neuen Handke-Buches lautet: "Dem mittelalterlichen Kanal entströmen nun – ähnlich wie den entsprechenden Steinfiguren über dem Kirchenportal in der Innenstadt – Ruhe, Verschmitztheit, Verschwiegenheit, Feierlichkeit, Langsamkeit und Geduld", so scheinen da nicht nur die "chinesischen" Attribute in eine uns sehr vertraute Landschaft eingegangen zu sein, sondern darüber hinaus tönt dieser Finalsatz auch unüberhörbar nach einem Programm, einem Friedens- oder Befriedungsprogramm.

Doch wie könnte heute, in einer Welt, die das gerade Gegenteil von alledem begünstigt und in der die Anziehungskraft von Lärm, Tumult, Ungeduld, Unduldsamkeit und Brutalität schier unwiderstehlich geworden ist, solch ein Programm noch glaubwürdig eingelöst werden? Müßte ein Autor, der sich ihm verschrieben hätte, nicht anachronistisch wirken, müßte sich ein "Chinese des Schmerzes" inmitten der Einheimischen "durch und durch siegesgewissen Herzlosigkeit (Seite 148) nicht ziemlich verloren vorkommen?

Nun, daß Peter Handke spätestens seit 1979, eben seit seiner "Langsamen Heimkehr", eine Wende, wie sie ja bereits der Titel dieses Buches signalisiert, vollzögen hat – er selbst würde vermutlich das Wort Gewichtsverlagerung vorziehen – und im literarischen Betrieb seither nicht mehr so uneingeschränkt "in" ist wie zuvor, bestätigten ja nicht nur die respektlosen Reaktionen vieler Kritiker, sondern wohl auch gesunkene Auflagenzahlen seiner Bücher. Wie diese "Wende" aussah, beschrieb Sorger in der "Langsamen Heimkehr" so: "Ich lerne (ja, ich kann noch lernen), daß Geschichte nicht bloß eine Aufeinanderfolge von Übeln ist, die einer wie ich nur ohnmächtig schmähen kann sondern auch, seit jeher, eine von jedermann (auch von mir) fortsetzbare friedenstiftende Form."

Die Konsequenzen aus dieser Einsicht spiegelten Handkes letzte Prosaarbeiten und vor allem auch sein bei den letztjährigen Salzburger Festspielen uraufgeführtes Theaterstück "Über die Dörfer", in dem die Figur der Nova – eine Art moderner Engel der Verkündigung – die "Leute von hier" und die "Leute von jetzt" ermahnte: "Laßt euch nicht mehr einreden, wir waren die Lebensunfähigen einer End- oder Spätzeit. Weist mit Entrüstung zurück das Geleier von den Nachgeborenen!"

Solche Töne waren einer Literaturkritik, die auf Negativität und möglichst blutige Endspiele quasi abonniert scheint, offenbar unerträglich; und erst recht war ihr wohl unerträglich, was Handke jetzt als sein ästhetisches Credo formulierte, etwa in der 1979 gehaltenen Dankrede zur Verleihung des Kafka-Preises: "Ich bin, mich bemühend um die Formen für meine Wahrheit, auf Schönheit aus, auf Erschütterung durch Schönheit; ja, auf Klassisches, Universales, das, nach der Praxis-Lehre der großen Maler, erst in der steten Natur-Betrachtung und -Versenkung Form gewinnt."