Niemand soll sagen, es gebe keine Kinokultur in diesem Lande. Es gibt sie, und sie ist exklusiv – etwa so, wie jener Stammtischwimpel, auf dem steht: "Hier sitzen die, die immer hier sitzen." Die Programmkinos der Großstädte, etwa die "Meisengeige" in Nürnberg, die "Harmonie" in Frankfurt oder das "Abaton" in Hamburg, sammeln im Projektionskreis ihrer verdienstvollen Programme die sogenannte "Scene", die abends ins Kino geht wie andere zum Skat in die Kneipe. Dem Stammtisch des Kleinbürgers entspricht die Kinokultur der "Scene".

Dieses Stammpublikum, von dem die Programmkinos leben, ist homogen in seiner Herkunft, einig in seinen Vorurteilen und Vorlieben. Es sind altgewordene Achtundsechziger, grünfühlende Linke, alternativ gesonnene Latzhosenträger, deren ehemaliges politisches Engagement unter dem Druck andauernder Enttäuschungen in ein besserwisserisches Ressentiment umgeschlagen ist, das sich im Kino auslebt.

Abends, wenn die, braven Bürger ins Bett sinken, gehen sie in ihr Stammkino: Wohngemeinschaften, Therapiegruppen und alternative Lebenszirkel füllen die abgewetzten Sessel, und hier im Dunkeln, anders als am hellen Tag, wo ideologische Zwiste die Reihen spalten, herrscht tröstliche Einigkeit. Liebesszenen und pathetische Augenblicke erregen nur höhnisches Gelächter, ideologisch Kontroverses verpflichtet zu triumphierenden Buhrufen.

Zum ersten Mal fiel mir das auf, als ich den Film "Pat Garrett jagt Billy the Kid" sah, einen wunderbaren, melancholischen Spätwestern von Sam Peckinpah. Während ich still meinen sentimentalen Gefühlen nachhängen wollte, war das Kino von fröhlich schmetternden Zwischenrufen erfüllt. Beim zweiten Mal, anläßlich einer Vorführung des Films "Ein Mann für gewisse Stunden" von Paul Schrader, hatte offenbar eine Feministinnengruppe ihren abendlichen Diskussionszirkel zum Thema "Der Mann und seine Folgen" ins Kino verlegt. Als Richard Gere die Kollektion seiner Jacketts, Hemden und Krawatten wie die Trümpfe eines Kartenspiels aufs Bett blätterte, schlug die vorher schon spürbare Unruhe in offenen Hohn um, und die nachfolgenden Liebesbegegnungen zwischen der schönen Lauren Hutton und dem noch schöneren Gigolo hatten nicht die geringste Chance mehr.

Dann sah ich "Tote schlafen fest" von Howard Hawks, mit Humphrey Bogart und Lauren Bacall. Verständlich, daß Bogey bei seinem ersten Auftritt mit großem Hallo begrüßt wurde. Unverständlich und nach und nach unerträglich, daß die melancholisch gebrochene Liebe zwischen Philip Marlowe und der Sternwood-Tochter nur noch Gelächter erregte. Und als Marlowe sagte: "Ich habe Angst", schrie eine Frau hinter mir: "Bogey hat Angst? Ich will mein Geld zurück!" und erntete allgemeinen Beifall.

Derlei scheint die Regel. Chantal Akermans "Eine, ganze Nacht", ein stiller, Aufmerksamkeit erfordernder Film, dessen Atmosphäre schon durch wenige Lacher kaputt gemacht werden kann, sei ihr, so erzählte eine Bekannte, durch Zwischenrufe gänzlich vergällt worden. Ähnlich erging es einem Freund, der "Carmen" von Carlos Saura sah. Daß ein Mann wirklich vom Wahnsinn der Liebe befallen wird, das wollte jenen, die nur Beziehungskisten kennen, nicht in den Kopf.

Die "Scene" geht ins Kino, nicht um Filme zu sehen, sondern um ihre Ressentiments zu befriedigen. Was sie für chauvinistisch und reaktionär hält, sei der Film noch so gut, verfällt gnadenlos ihrem Spott. Bei sich selbst ist dieses Publikum nur, wenn die richtige Uberzeugung aus den Bildern trieft, wenn die Faschisten böse und die Frauen solidarisch sind. Bei Margarethe von Trottas "Hellem Wahn" und "Bleierner Zeit" oder bei Michael. Verhoevens "Weißer Rose" herrscht schweigende Ergriffenheit. Da ist endlich auf der Leinwand bewiesen, was man ohnehin schon weiß, und was man nicht weiß, das will man auch nicht wissen.