Von Ulrich Greiner

Die Lyrikerin Ulla Hahn hatte, als sie von Marcel Reich-Ranicki entdeckt wurde, Glück und Pech. Glück, weil ihr die Fürsprache dieses wohl einflußreichsten Literaturkritikers viele Wege ebnete und zu einer steilen Karriere verhalf. Pech, weil steile Karrieren immer Mißtrauen hervorrufen, zumal im Literaturbetrieb. Zu dessen Gesetzen gehört, daß heftiges Anfangslob durch Verrisse gegnerischer Kritiker konterkariert wird. Das ist normal und hat seine quasi sportliche Seite.

Im Fall Ulla Hahn verschärfte sich das Spiel eben dadurch, daß Reich-Ranicki es anpfiff. Nein, er pfiff nicht, sondern er nahm sämtliche Pauken und Trompeten, die sich anboten, und intonierte einen großen Siegesmarsch, sechsspaltig auf der ersten Seite der Literaturbeilage der FAZ, pünktlich zur Frankfurter Buchmesse 1981. Getreu seiner Devise „Wer schreibt, provoziert“ lobte er den ersten Gedichtband von Ulla Hahn ohne die Spur einer Einschränkung, ohne den Hauch einer Kritik. Was nun folgte, war nahezu logisch: Es hagelte Verrisse in anderen Zeitungen, hämische Glossen, und die Literaturszene war voll von Gerüchten und Unterstellungen.

Ulla Hahns erster Gedichtband „Herz über Kopf“ hat inzwischen eine Auflage von 18 000 Exemplaren. Das ist eine gigantische Menge, denn üblicherweise erreicht Lyrik kaum mehr als ein Zehntel davon. Es hieße, den Einfluß der FAZ zu überschätzen, wollte man diesen Erfolg allein ihr zuschreiben. Ulla Hahn hatte mit ihren Gedichten einen verborgenen Wunsch vieler Leser erfüllt: die Sehnsucht nach Schönheit. Der letzte Satz von Reich-Ranickis Rezension hieß: „Ulla Hahn beweist uns, daß deutsche Gedichte auch in unseren Tagen schön sein können Das kursiv gedruckte Wort können sollte heißen: Gedichte müssen nicht schön sein. Aber es ist schon ganz schön, wenn sie schön sind.

Ist ja auch. Aber was heiß das? Schönheit bei Ulla Hahn, und damit trifft sie sicherlich einen Trend, heißt so viel wie: freundliche Ausgewogenheit mit kleinen frechen Schlenkern, gefällige Harmonie mit hübschen Verstößen gegen das Regelmaß von Reim und Rhythmus. Dieses Regelmaß, entliehen der lyrischen Tradition, ist das Grundmuster ihrer Gedichte. In dem Band „Herz über Kopf“ gibt es, wie in einem Lehrbuch der Poetik, Reime aller Art, Paarreime, gekreuzte und verschränkte Reime, Sonette, allerlei rhythmische Formen bis hin zum Hexameter, kühne Enjambements, adrette Alliterationen und Binnenklänge: „Dreimal wartete ich auf Dich unter den Malven am Markt“, „deine Runzeln rund um die Augen“, „mit Grazie mild wie Vanille“.

So schreibt sie wirklich, mit Grazie, mild wie Vanille. Sehr gekonnt, sehr professionell, handwerklich meisterhaft, und das ist schon viel in einer Zeit, in der Dichten und Dilettieren oft für dasselbe gehalten werden. Aber ob’s genügt?

Nicht nur mit ihren schön beherrschten literarischen Formen erfreute Ulla Hahn in „Herz über Kopf“ die Leser, sondern auch mit dem Inhalt. Es waren durchweg Liebesgedichte, in denen sie von Leid und Freud, von Schmerz und Herz unermüdlich sang. Wirklich von Liebe sprach sie, nicht von Beziehungskrisen. Und sie rührte das Gemüt der literarisch gebildeten Lyrikfreunde, indem sie, schamlos und ohne es zu verbergen, in allen Epochen der deutschen Literatur Anleihen machte, ob bei den Merseburger Zaubersprüchen und Walther von der Vogelweide, bei den Märchen der Brüder Grimm oder bei Heine und Hölderlin. Fundevogel kam und Rapunzel und Schneeweißchen und Rosenrot, und Blut war im Schuh. Sie schrieb aber auch „Ich hab die Schnauze voll“, oder „Hau ab ins Grab“, und das klang wieder ganz modern.

Schön sind diese Gedichte, aber ihre Schönheit ist restaurativ, nämlich gegenwartsabgewandt, vergangenheitsselig. Ihr Historismus entspricht jener merkwürdigen Form von Denkmalspflege, die Fachwerkhäuser und Schlösser aufbaut, die es so nie gegeben hat. Vorne Stuck und Schnitzwerk, dahinter Stahlbeton. Derlei befriedigt unser Bedürfnis nach Oldtimern und Oldies, nach Ornament und Schmuck. Des Brutalismus und der öden Funktionalität unserer Lebenswelt müde sehnen wir uns nach alten Zeiten und Räumen, wo die Katastrophen noch überschaubar waren.

In der Stickereikunst nennt man das Gittergewebe aus Leinen oder Baumwolle, in das die bunten Fäden hineingewoben werden, Stramin. Stramin ist Ulla Hanns Poesie. Sie stickt schöne und kunstvolle Bilder, aber ohne den Gitterstoff ihres Traditionalismus fielen sie in sich zusammen.

Als damals, im Herbst 1981, der Band „Herz über Kopf“ erschien, formulierte der Schriftsteller Bodo Morshäuser an unscheinbarer Stelle, nämlich im tip-magazin, ein zutreffendes Urteil: „Ulla Hahn geht mit lyrischer Tradition so souverän um, daß mir der steife Atem einer Literaturwissenschaftlerin entgegenweht, nicht aber der Atem einer Lyrikerin. Offenbar hat sich hier die Forderung nach ‚mehr Form‘ kalt materialisiert. Ihre Gedichte sind literarisches Planspiel.“

Kalt ist der jetzt erschienene zweite Gedichtband „Spielende“ nicht mehr. Deutlicher spürt man die Person, ungeschützter tritt das lyrische Ich vor den Leser, seltener kostümiert sich Ulla Hahn mit alten Roben und Hüten. Zwar gibt es immer noch den Stramin-Effekt mit seinen hübschen Ergebnissen:

Sanft wiegt die Wiese mich in ihrem Gras

Ich lieg allein

Ich denk an dich

und sollte traurig sein

Ich spiegle mich im hohen Himmelblau

in deinen Augen nicht

Mitunter such ich in den Wolken

noch dein Gesicht

das mir der Wind verweht: bewegte Skizzen

die ich verwischen kann

Ich denk an dich und halte das Vergessen

noch einmal an

Der Wohllaut ist beträchtlich. Angenehm in der ersten Zeile der helle, sechsfache I-Klang, eingerahmt vom zweifachen A. Es ist ein trauriges Gedicht. Es kündet vom Ende einer Liebe. Ich sollte, sagt das Ich, traurig sein, bin es aber nicht, und das ist traurig. Die Gefühle verabschieden sich. Das ist gut gesagt von Ulla Hahn, aber eben weil es so schön formuliert ist, glaube ich ihr nicht ganz. Vielleicht ist das mein Fehler, denn in vielen Gedichten dieses Bandes drängen Schmerz und Einsamkeit hervor. Sein doppelsinniger Titel meint ja beides: Die Spielende erzählt vom Spiel-Ende. „Ich bin die Frau/die keine Frau ist/fürs Leben“ heißt es, oder: „Ich hab genug/ich steh mir selbst bis oben.“ Und in einem finsteren Augenblick sagt sie: „Endlich besoffen und ehrlich/und immer noch’n Sonett.“ Aber die Sonette, die sie schreibt, sind eben doch sehr ordentlich. Manchmal wird sie für ihre Verhältnisse ganz schön obszön, etwa wenn sie dem Lieben Gott die Attribute eines Präservativs zukommen läßt: „gefühlsecht und elektronisch geprüft“.

Mit dem Abschied von der Liebe und mit der wachsenden Angst vorm Alleinsein und vorm Alter werden die Gedichte schutzloser, brüchiger und gewinnen plötzlich einen glaubhaften Ernst. Prosaisch und reimlos erzählen sie von den kleinen Melancholien des Alltags. Nun aber, ihrer literarischen Prächtigkeit entkleidet, sind diese Gedichte glanzlos und oft auch unanschaulich und flach. Wo Ulla Hahn den goldenen Käfig ihres Epigonentums verläßt, flattert sie nicht sehr beeindruckend mit den Flügeln.

Es mangelt an Konkretion, an jeher Genauigkeit der Beobachtung, ohne die jede Lyrik im Ungefähren bleibt. Da gibt es nicht die plötzliche, erschreckende Erkenntnis, nicht den mitleidlosen Blick wirklicher Poesie. Statt dessen beherrschen schlechte Allegorisierungen die Zeilen. Da ist von „unserer lieben Frau Phantasie“ die Rede, „der Vogel Sehnsucht schreit“, und: „Wenn es tagt kommt mit erstickten Schritten/durch die leeren Straßen Traurigkeit.“ Oder, ganz ähnlich: „Das Gewissen kommt, wenn es Nacht ist/Es marschiert nach harten Takten.“

Und es wimmelt von Begriffen wie Nacht und Tag und Traum und Sehnsucht und Hoffnung und Angst. Allein die ehrwürdige Metapher Herz habe ich fünfzehnmal gezählt. So was ist nicht verboten, und es kommmen ja auch ganz gute, sprachlich saubere Gedichte dabei heraus. Aber es ist keines dabei, das sich im Kopf (oder meinetwegen im Herzen) festsetzen würde. Da gibt es keine Löcher, in die man zum eigenen Nutzen hineinfiele, keine wilden, grandiosen Blitze, in deren Licht die Verhältnisse zu tanzen begännen.

Verlange ich zuviel? Es muß ja doch heutzutage, in dieser mittleren Zeit, erlaubt sein, Gedichte zu schreiben, die sich nicht sofort mit Hölderlin oder Rilke vergleichen lassen müssen. Sieht man auf die Unzahl stümperhafter Verseschmiede, dann sollte man die Professionalität und literarische Gewandtheit der Ulla Hahn loben. Vielleicht ist sie unter den Blinden die einäugige Königin.

Aber es ist gar nicht wahr, daß wir nur Gedichte von Blinden hätten. Reden wir nicht von Ernst Jandl, nicht von Enzensberger und Rühmkorf, die sind eine Generation älter und erfahrener; reden wir nicht von den wunderbaren Gedichten Nicolas Borns und Rolf Dieter Brinkmanns, denn beide sind tot; reden wir lieber von Autoren wie Jürgen Theobaldy, Ludwig Fels, F. C. Delius, Ursula Krechel, Wolf Wondratschek, alle Ende dreißig und ebenso alt wie Ulla Hahn, nicht so wortgewandt und vollendet in der Form, unsicherer und häufiger scheiternd, aber bei weitem näher unserer Wirklichkeit und unseren Erfahrungen.

Oder reden wir, da Vergleiche immer ungerecht sind, von Sarah Kirsch. Auch sie schreibt Liebesgedichte, Zaubersprüche, kennt sich in Märchen und alten Formen aus. Ihr Blick ist dem von Ulla Hahn recht ähnlich. Aber bei Sarah Kirsch sind immer zuerst die Bilder da, der dunkle Strom der Empfindungen, zuerst das hereinbrechende Gefühl, die jähe Beobachtung, die sich fraglos mit den Worten verbindet, verbündet, dann erst die Formulierungsabsicht, der Gestaltungswille. Den Geliebten redet sie so an („Zaubersprüche“):

Phöbus rotkrachende Wolkenwand

Schwimm

Ihm unters Lid vermenge dich

Mit meinen Haaren

Binde ihn daß er nicht weiß

Ob Montag ob Freitag ist und

Welches Jahrhundert ob er Ovid

Gelesen oder gesehen hat ob ich

Sein Löffel seine Frau bin oder

Nur so ein Wolkentier

Quer übern Himmel

Da ist, scheint mir, eine andere Gewalt, eine andere Unmittelbarkeit, die sich jeweils neu die Form schafft, die sie braucht. Nein, Ulla Hahn ist keine große Lyrikerin. Sie macht zu selten Fehler. Sie schlägt nicht über die Stränge ihres abgezirkelten literarischen Gefildes. Sie bleibt bei ihrem Leisten und nährt sich redlich. Das genügt nicht.

Ulla Hahn: „Spielende“, Gedichte; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 1983; 104 S., 14,80 DM.