Ich denk an dich und halte das Vergessen

noch einmal an

Der Wohllaut ist beträchtlich. Angenehm in der ersten Zeile der helle, sechsfache I-Klang, eingerahmt vom zweifachen A. Es ist ein trauriges Gedicht. Es kündet vom Ende einer Liebe. Ich sollte, sagt das Ich, traurig sein, bin es aber nicht, und das ist traurig. Die Gefühle verabschieden sich. Das ist gut gesagt von Ulla Hahn, aber eben weil es so schön formuliert ist, glaube ich ihr nicht ganz. Vielleicht ist das mein Fehler, denn in vielen Gedichten dieses Bandes drängen Schmerz und Einsamkeit hervor. Sein doppelsinniger Titel meint ja beides: Die Spielende erzählt vom Spiel-Ende. „Ich bin die Frau/die keine Frau ist/fürs Leben“ heißt es, oder: „Ich hab genug/ich steh mir selbst bis oben.“ Und in einem finsteren Augenblick sagt sie: „Endlich besoffen und ehrlich/und immer noch’n Sonett.“ Aber die Sonette, die sie schreibt, sind eben doch sehr ordentlich. Manchmal wird sie für ihre Verhältnisse ganz schön obszön, etwa wenn sie dem Lieben Gott die Attribute eines Präservativs zukommen läßt: „gefühlsecht und elektronisch geprüft“.

Mit dem Abschied von der Liebe und mit der wachsenden Angst vorm Alleinsein und vorm Alter werden die Gedichte schutzloser, brüchiger und gewinnen plötzlich einen glaubhaften Ernst. Prosaisch und reimlos erzählen sie von den kleinen Melancholien des Alltags. Nun aber, ihrer literarischen Prächtigkeit entkleidet, sind diese Gedichte glanzlos und oft auch unanschaulich und flach. Wo Ulla Hahn den goldenen Käfig ihres Epigonentums verläßt, flattert sie nicht sehr beeindruckend mit den Flügeln.

Es mangelt an Konkretion, an jeher Genauigkeit der Beobachtung, ohne die jede Lyrik im Ungefähren bleibt. Da gibt es nicht die plötzliche, erschreckende Erkenntnis, nicht den mitleidlosen Blick wirklicher Poesie. Statt dessen beherrschen schlechte Allegorisierungen die Zeilen. Da ist von „unserer lieben Frau Phantasie“ die Rede, „der Vogel Sehnsucht schreit“, und: „Wenn es tagt kommt mit erstickten Schritten/durch die leeren Straßen Traurigkeit.“ Oder, ganz ähnlich: „Das Gewissen kommt, wenn es Nacht ist/Es marschiert nach harten Takten.“

Und es wimmelt von Begriffen wie Nacht und Tag und Traum und Sehnsucht und Hoffnung und Angst. Allein die ehrwürdige Metapher Herz habe ich fünfzehnmal gezählt. So was ist nicht verboten, und es kommmen ja auch ganz gute, sprachlich saubere Gedichte dabei heraus. Aber es ist keines dabei, das sich im Kopf (oder meinetwegen im Herzen) festsetzen würde. Da gibt es keine Löcher, in die man zum eigenen Nutzen hineinfiele, keine wilden, grandiosen Blitze, in deren Licht die Verhältnisse zu tanzen begännen.

Verlange ich zuviel? Es muß ja doch heutzutage, in dieser mittleren Zeit, erlaubt sein, Gedichte zu schreiben, die sich nicht sofort mit Hölderlin oder Rilke vergleichen lassen müssen. Sieht man auf die Unzahl stümperhafter Verseschmiede, dann sollte man die Professionalität und literarische Gewandtheit der Ulla Hahn loben. Vielleicht ist sie unter den Blinden die einäugige Königin.