Anfang 1934 veröffentlichte das „Comité des Delegation Juives“ auf Initiative seines Präsidenten Leo Motzkin in Paris eine Dokumentation (Redaktionsschluß 15. August 1933) über die Lage der Juden in Deutschland. Das vom Verlag Ullstein jetzt verdienstvollerweise wiederaufgelegte Buch

Comité des Delegation? Juives (Hrsg.) „Die Lage der Juden in Deutschland 1933“; Ullstein Verlag, Berlin 1983; 536 S., 19,80 DM,

stützte sich auf offizielle Quellen: Tageszeitungen, Publikationen der NSDAP, Statistiken, Gesetzesblätter. Ziel dieses Unternehmens war es, der Weltöffentlichkeit ein Bild über den Alltag der jüdischen Bevölkerung im NS-Deutschland zu vermitteln: über Boykott, Ausschluß aus dem Wirtschaftsleben, über Entrechtung und Verfolgung.

Die Dokumentation spiegelte das Ausmaß der bereits eingetretenen Veränderungen und machte deutlich, daß der Antisemitismus nicht Beiwerk, sondern integraler Bestandteil der NS-Ideologie und der NS-Politik war. Bereits ein halbes Jahr nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten waren 750 Hochschullehrer entlassen, hatten Staatsbeamte ihre Stellung, Anwälte ihre Zulassung zu den Gerichten, Tausende von Ärzten die zu den Krankenkassen verloren. Die in der Dokumentation abgedruckten Nachrichten aus der Provinz lassen erkennen, wie Bürgermeister und Subalterne aller Ränge den neuen Kurs in Berlin vor Ort ohne große Gewissensbisse und Hemmungen umsetzten. Juden wurde es in manchen Städten nicht mehr erlaubt, öffentliche Freibäder zu benutzen, bestimmte Ortschaften durften sie nicht mehr betreten.

Besonders erschreckend mutet uns heute aber die Gleichgültigkeit und der Zynismus an, mit dem öffentliche Medien auf Gewalttaten gegenüber Juden reagierten. Manche der im „Schwarzbuch“ abgedruckten Artikel (so aus der Gleiwitzer „Ostfront“: „Das jüdische Volk ist ein Teufelsvolk. Es ist ein Volk von Verbrechern undMördern, darum muß das jüdische Volk ausgerottet werden ...), sowie manche der nachzulesenden Reden von NS-Amtsträgern (etwa Hermann Göring am 4. März 1933 in Frankfurt: „Ich habe keine Gerechtigkeit zu üben, sondern zu vernichten und auszurotten“) lassen erkennen, daß die „Endlösung“, die pnysische Vernichtung der Juden, zwar in der berüchtigten „Wannsee-Konferenz“ Januar 1942 beschlossen, aber schon 1933 vorgedacht worden ist.

Julius H. Schoeps