Leben für Anfänger – Seite 1

Ein Besuch bei Hugo Kükelhaus

Von Susanne Mayer

Der alte Herr versucht es noch einmal: "Über mich dürfen Sie doch gar nicht schreiben" raunt er, und seine weißen Flaumhaare sträuben sich förmlich um die zart marmorierte Schädelhaut. "Sie müssen über das Licht schreiben" drängt er, "über den Ton, über Sehen und Hören – ja", sagt er und ruckt mir sein festes rundes Kinn entgegen: "Über das SEIN müssen Sie schreiben!" Hugo Kükelhaus blinzelt zu mir herüber, Kopf schräg, voller Skepsis die kleine schwarzgekleidete Gestalt, doch plötzlich wird sie von Lachen gerüttelt: "ja können Sie das denn?" kichert er, ausgelassen, und vielleicht ein bißchen triumphierend ... Ich werde mich hüten zu antworten.

"Die Wahrheit ist leibhaftig", hatte ich mir schon am Telephon von ihm sagen lassen: "Das müssen Sie sich merken!" Mit Lesen, bin ich belehrt worden, ist es überhaupt nicht getan – ein Umstand, lieber Leser, der mich beim Schreiben dieses Artikels nicht ermutigt. "Am besten", hatte Hugo Kükelhaus befunden, "Sie kommen zu mir nach Soest, da können Sie Sachen fühlen und anfassen!" Sonstwo in der modernen Welt, davon ist dieser "weise, fröhliche Prediger einer organlogischen Umwelt" (so ein Verehrer) überzeugt, verhindern eine unmenschliche Architektur und eine falsche Lebensweise, daß Fassen und Fühlen, Sehen und Hören, nach Kükelhaus kurz: Menschsein möglich ist.

Urbilder, Urzahlen

In Soest, alte merowingische Siedlung, ehemalige Hansestadt und heute durch und durch denkmalgeschützt, liegt ein Park, und hier, in der Beuge eines Aschenweges, der durch

sorgsam graue Schleifen zieht, liegt ein altes Fachwerkhaus. "Anno DOMINI 1670 den ZI iuny" Balken über das ehemalige Einfahrtstor geschnitzt. Heute ist es kunstvoll verglast, und neugierige Parkwandler können durch die getönten Scheiben einen Blick in das Leben ihres Künstlers tun. Klein aber entschieden steht der Hausherr in der riesigen hohen Halle der ehemaligen Scheune, die heute ein erhabener Wohnraum ist, und zeigt vor seine Füße: "Um diese Steine herum habe ich sie aufgebaut", sagt er und guckt zur kunstvoll geschnitzten und bemalten Decke hoch: "Damals konnte ich von hier aus den Himmel sehen". Das war 1954, und die Soester Stadtväter tagten über Plänen, wie das heruntergekommene Gemäuer im Herzen der Stadt durch ein Zeichen des aufkommenden Wirtschaftswunders zu ersetzen sei: ein Kaufhaus sollte her.

Leben für Anfänger – Seite 2

Doch Kükelhaus, mit Frau und zwei Kindern von Potsdam nach Soest vertrieben, sah hier nicht den Baugrund für einen dieser mißgestalteten und leergesicntigen Blöcke, die heute ihre Scham hinter neuziselierten Fassaden zu verbergen suchen. "Das Leben wohnt im Maß", hatte er als 25jähriger in seinem Erstlingswerk "Urzahl und Gebärde" (1934) geschrieben, nach dessen Lektüre Albert Einstein begeistert Kontakt mit ihm aufnahm.

Kükelhaus, der nach dem Abitur in Essen "keinen Beruf" als Ausbildungsziel genannt hatte, doch nach dem Rat seines Vaters ("Eine prima Idee, doch dazu braucht man Nerven") erstmal Tischlern und Schreinern lernte, hatte im Handwerk die Bedeutung von Urbildern und Urzahlen erkannt. "Nichts ist mächtiger", schrieb er, als das "Maßverhältnis". Die natürlichen Zahlen seien "pulsierende Wirkeinheiten". Nach ihnen müßten die Menschen ihre Weltwirklichkeit formen, die "nur soviel echte Wirklichkeit birgt, als Urzahl darin verwoben ist oder als es in den Raum der Urzahl hineingefügt ist". Die ägyptischen Pyramiden, das japanische Haus, das griechische Amphitheater und die christlichen Sakralbauten sind nur einige Beispiele, mit denen der junge Kükelhaus seine Thesen untermauerte, die er 40 Jahre später in "Unmenschliche Architektur" weiter ausbaute. Sie stützen sich, wie auch im späteren Werk, auf das Wissen verschiedener Kulturen und Weltanschauungen, ohne sich ihnen unterzuordnen. Kükelhaus, nicht Anthroposoph, nicht Freimaurer, nicht Grüner, sucht nach Gesetzen, die Leben harmonisch gestalten: "Das Ebenmaß trägt vom Gegenstand her Ströme an den Menschen heran, die unbewußt wahrgenommen werden", schrieb er 1934. In maßvoll gestalteten Räumen sei der Mensch "durchdrungen von einem vieltönigen Klingen, das unmittelbar Einlaß in das Ungreifbare, in die Seele findet". So sollten Menschen leben, so wollte Kükelhaus leben. Er machte sich an den Aufbau des "Rattenschlosses", wie seine Kinder es schimpften.

Die alten Zimmerleute, erzählt er, verfügten über eine sinnbildhafte Geometrie. Das Gebälk des Fachwerkhauses bildete einst die Sinnzeichen der Runen nach, am Dachstuhl ließen sich die Gesetze der Urgebärden studieren, nach denen sich das Leben formt. "Doch die Basis, wissen Sie, diese Steinplatten, die sind das Allerwichtigste. Hierauf können Sie stehen und gehen."

Mit Schwierigkeiten, stelle ich fest. Die Zentnerschwere der alten Fliesen hat sich hier der Zeit gebeugt, und dort drüben hat sie sich ein wenig gegen sie aufgelehnt. Blankgewetzt sind sie, ausgehöhlt oder unregelmäßig abgesplittert. "Gehen ist ein ständig aufgefangener Fall", diese konfuzianische Weisheit wird bei Kükelhaus nicht ohne Grund ständig zitiert Gehen ist ihm eine Grunderfahrung des Lebens, als "die Überwindung der Angst vor dem nächsten Schritt durch Vertrauen auf die Ferne und Hingabe an die Weite und Sich-Offen-Halten gegen den Horizont". Jeder Schritt übt Leben und ist nicht nur beim Säugling ein Schritt des Menschen auf sich zu. Nichts Schlimmeres für Hugo Kükelhaus als endlos glatte PVC-Bahnen oder schallschluckende Teppichböden, auf denen die Begegnung zwischen Fußsohle und der Grenzfläche des Außen bewußtlos wird durch eine "architektonisch erzwungene Paralysierung von Lebensprozessen". Denn Lebensprozesse, befand er, sind Wahrnehmungsprozesse.

"Sehen Sie, wie das Licht durch dieses Fenster fällt?" fragt mich Hugo Kükelhaus. Holzsprossen durchschneiden die kleinen Scheiben wie schwarzes Gitterwerk. Doch wo sie im stumpfen Winkel ans Glas grenzen, wird heller Lack sichtbar, der zum Zimmer hin vergraut zum Schwarz. "Licht", triumphiert Kükelhaus, "ist nicht gleich Helligkeit. Licht ist ein sich ständig wandelndes Hefi-Dunkel-Gefälle." Wo wir unsere Zimmer durch moderne Panoramascheiben der Helligkeit preisgeben, verschwinden sie uns unter den Augen, wenn auch nicht so vollständig wie eine weiße Kugel, voll ausgeleuchtet, zur Scheibe würde. Meist beherzigen wir ja nur als Hobbyphotographen, daß uns die Welt abends, an der Grenze zum Dunkel, am deutlichsten wird – wenn Erkennen, als "ein Akt des Produzierens", an das Ungewisse grenzt und aus ihm Gesehenes erzeugt. Zu Hause aber leuchten die Röhren, Bis zu 2000 Lux, schimpft Kükelhaus, strahlen am modernen Arbeitsplatz – selbst ein Goethe wäre daran wohl erblindet, ihm waren 200 Lux genug. Am Kükelhausschen Arbeitsplatz herrscht Dämmerlicht.

Alte Buchrücken verdunkeln die Wände, wo diese nicht von schweren schwarzen Balken in tiefen Schrägen abgefangen werden. "Anthroposophie" steht auf einem handgeschriebenem Zettel am Regal, dort "Anthropologie", hier "Embryologie", "Mathematik", "Soziologie" und drüben "Philosophie". Manuskriptpapiere stapeln sich, getuschte Zeichen und Zeichnungen fast verdeckend, die Kükelhaus, nach Leonardos Manier, mit Federkiel auf große Bögen zeichnet. Mineralien, Gefäße, Federn, Stifte, Scherben, Steine, Utensilien aller Art drängen sich auf großen Platten. Buddhaköpfe lächeln aneinander vorbei, und rundherum ein Ton. Er massiert sich in vollen Schwingungen, hebt und senkt die Holzbohlen unter unseren Füßen und rippelt behutsam über die Haut. "Fühlen Sie den Ton?" fragt Kükelhaus und schlägt noch einmal sanft auf die jahrhundertealte matte Bronze des tibetanischen Gong, noch einmal und immer wieder. "Sie müssen darauf hören, wie der Ton in der Stille verschwindet. Hören Sie die Stille?"

Für die Kinder im Mutterleib, erzählt Kükelhaus, sind diese zarten Schwingungen am schönsten. Die Mütter merken, wie sie sich in den Wellen bewegen. Um diese Kinder geht es Kükelhaus. Als Frühgeburten, erklärt er, kommen sie auf diese Welt, in der die Entwicklungsdynamik ihres vorgeburtlichen Organismus grausam gelähmt werde, – "postnatale Abtreibung", sagt Kükelhaus erbittert.

Leben für Anfänger – Seite 3

Der Embryologe Erich Blechschmidt, bei dem er in Berlin studierte, regte ihn an zu seiner Theorie, daß Leben nicht durch den erlernten Gebrauch der Organe zu konsumieren ist, sondern sich entfalte in der Funktion der Organe des Fühlen, Hören, Sehen: "Wenn ich sehe, bin ich ganz Auge; ganz Ohr, wenn ich höre: falls ich sehe oder höre", heißt seine Formel; als Methode angewandt, führt sie zum "Vorgang des sich zum Selbstbewußtsein entwickelnden Bewußtseins". ("Organ und Bewußtsein", 1977). Doch systematisch, wütet Kükelhaus, werden die Kinder ihrer eingeborenen gesetzmäßigen Lebensweise entwöhnt: "Die werden aus den Hochhäusern mit Liften runtergetragen, in die Busse gestopft und in die Lernanstalten überführt. Dort werden sie nach dem Muster der Tierhalteanlagen aufbewahrt: in schalldichten plastifizierten Räumen, pflegeleicht. Ja, das habe er genau so in einer Schweizer Rundfunksendung gesagt: "an Weihnachten, zur Feier von Christ Geburt".

Für diese Kinder nimmt Kükelhaus nicht nur verbal Partei. Als Berater für die Gestaltung von Schulbauten, Pausenhöfen, Parkanlagen und eines Versuchsfeldes zur "Entfaltung der Sinne" ("Entfaltung der Sinne", 1982) nutzt er ein Wissen, das ein anderer großer Humanist, Aldous Huxley, einst als Bedingung für den Ausgang aus selbstverschuldeter Unfähigkeit forderte: "ein Gewebe des Verstehens, in dem das Atom mit dem kosmischen Spiralnebel verbunden ist, und beide mit dem Frühstück, mit der Musik von Bach und der Keramik des frühsteinzeitlichen China". Aus selbstverständlichem Gespräch mit Platon und Goethe, im Austausch Rudolf zur Lippe, Graf Dürckheim, Robert Jungk und Hellmut Becker, entwickelt Kükelhaus Ideen für eine Umwelt, in der Leben für Anfänger erfahrbar wird. Kinderspielzeug entwirft er und strudelnde Wasserläufe, in denen die Kinder wie in einem Spiegel Bewegungswirbel sehen, aus denen sie selber in embryonaler Entwicklung geformt wurden. Rieselbilder aus farbigem Sand türmen vor ihren Augen naturgeschichtliche Gesetzmäßigkeiten zu buntschichtigen Gebirgen. Auf einer Doppelschaukel erfahren sie, wie die eigene Bewegung den Partner in Schwung bringt; mit anderen auf einer großen Balancierscheibe von 6 Meter Durchmesser merken sie sofort, wie leicht sich die gemeinsame Lage verändert.

Der Wahrer des Kindlichen

Viele Menschen, kleine und große, haben bis heute diese Erfahrung der Sinne gesucht, 1967 zum ersten Mal auf der Weltausstellung in Montreal, 1975 auf der Exempla in München, und seitdem hat die Wanderausstellung über 1 Million Besucher registriert. "Wenn Hugo Kükelhaus etwas macht", sagte Richard von Weizsäcker, Bruder seines Freundes Carl-Friedrich, "dann ist es ein Ereignis."

Ein Ereignis war es, als Kükelhaus vor wenigen Monaten in der Philharmonie sprach, oder im Berner Auditorium maximum vor über 1000 Leuten, als er ein Seminar in der Genfer Musikhochschule gab oder einen Vortrag in der Freiburger Universität. Hugo Kükelhaus ist ohne Zweifel "in", so wie heute Zivilisationskritik mit einem Schuß Endzeitstimmung nur "in" sein kann.

"Uns ist das Licht des Lebens fahl geworden", heißt es zu Beginn von "Organ und Bewußtsein" (1977), "uns heutigen, die das Zuendegehen der Industriezivilisation erleben, Und das, wie wir ahnen, nur durchzustehen ist dadurch, daß wir uns bereiten für etwas unser Vermögen weit übersteigend Neues, Einzigartiges, Unvergleichliches ..." Endzeitstimmung und Verheißung, Angst und Erlösung, Ohnmacht und Allmacht – ist das, wie mancher schon voll Schrecken ahnt, die Macht der deutschen Vergangenheit, die vielleicht schon immer als dunkler Schatten mitgezimmert wurde? Ist Kükelhaus ein Vorläufer all derjenigen, die heute dem ewigen Naturzusammenhang, sei er organologisch oder mütterlich, frönen? Wo Kükelhaus selbst die Begriffe Macht und Opfer, wie im "Umgang mit der Macht" (1970), seiner Theorie im wahren Sinne des Wortes einverleibt, läuft er allerdings Gefahr, begriffliche Instrumente verschluckt zu haben, mit denen er sich von einem "blinden Naturzusammenhang", so warnt ein Freund und Kritiker, trennen könnte: "Aus der Leibhaftigkeit könnte nur zu schnell wieder der Leibhaftige werden". Wessen Blick für diese Gefahr gescnärft ist, kann jedoch nicht übersehen, daß Kükelhaus Anhänger oder Stütze des deutschen Leibhaftigen nie war. Das ist nicht nur eine Frage der persönlichen Integrität, mit der er sich dem Widerstandskreis um Friedrich von der Schulenburg verpflichtete. Denn Kükelhaus widersetzt sich von der Basis seiner Theorie aus der instrumentellen Anwendung für zukünftige Ziele.

"Das Nächstgelegene ist die Gegenwart", schreibt er ebenfalls in "Organ und Bewußtsein". "Die Kleinheit ist die Eigenschaft der Gegenwart; das Keimhafte, das Schwache, das Zarte und Gewaltlose. Das Verhalten zur Gegenwart ist das einer Mutter zu einem Kinde; eines brütenden Vogels zu einem Ei. Es ist nicht zu fragen: ‚Was ist zu unternehmen?‘, sondern es ist wahrzunehmen, was geschieht. Es ist wahrzunehmen. Es ist zu wahren."

Hugo Kükelhaus ist der Wahrer des Kindlichen – nicht nur bei den Kindern. Wie sonst wäre es ihm möglich, eine romantische Tradition weiterzuspielen, in der andere nur die Wiederkehr des Verdrängten sehen können? "Verändern will ich überhaupt nichts!" trotzt er auf. "Wenn man in einer Wüste lebt, nützt es nicht, neue Sandhaufen aufzuwerfen", schimpft er. "Ich tu nur soviel, wie in meiner Reichweite liegt. Weiter als meine Arme kann ich doch nicht!" erklären zwei kurze vorgestreckte Arme ein für allemal. "Ist das denn so schwer zu kapieren?" kichert Kobold Kükelhaus – unberechenbar und weise.