Die Via Montenapoleone und iher Seitentraßen bilden Mailands „goldenes Viereck“

Von Isolde von Mersi

Mamma mia, wie souverän das überschlanke Geschöpf sich doch in Szene setzt. Ein Bein lässig nach hinten gewinkelt, den Kopf in gespielter Anmut zur Brust geneigt, zeigt die Mondäne im fließenden weißseidenen Gewand mit Schlapphut und kalter Schulter ein atemberaubend riskantes Rückendekollete.

Das wagemutige Mädchen trägt weder Strümpfe noch Schuhe, ihm fehlen Haare und Gesicht: Das Mädchen ist eine Porzellanpuppe. Sie posiert in der della Spiga Nr. 32, in einer winzigen Vitrine, zwischen sacht von der Decke schwebenden Mullbandagen – ein Traumwesen, gehüllt in ein Traumgespinst von Gianfranco Ferrè.

Mailands exzentrischste Modeschöpfer, Ferrè und die Pullover-Künstlerin Krizia. Gianni Versace und die Maßschuhmacher Ciaparelli und Carrano, haben die schmale, unauffällige Via della Spiga als Standort für ihre „show rooms“ auserkoren, eine alte Gasse im Zentrum Mailands, dämmert und lautlos wie eine Schlucht. Sie verläuft parallel zur berühmtesten Einkaufsstraße der Staat, der Via Montenapoleone, bildet die äußere, nordöstliche Grenze jenes „goldenes Viereck“ genannten Viertels, in dem alles zu haben ist, was der betuchtere Teil der Menschheit für unentbehrlich zu seinem Glück halten könnte: Silber und Antiquitäten, Juwelen und Bijoux, Möbel, Glas und Mode, immer wieder Mode.

Teurer Tand in der „borghi“

Dicht an dicht drängen sich die teuren Läden im Quartiere zwischen der Piazza Duomo, der Piazza San Babila und der Via Manzoni. Seit Mailand als Mode-Metropole alle anderen Weltstädte überflügelt hat – in der Saison 1978/79 feierten Couturiers wie Missoni, Krizia, Mila Schön oder Giorgio Armani endgültig Triumphe über die Konkurrenz aus Paris und Rom – bietet die Via Montenapoleone längst nicht mehr hinreichend Platz für die Aristokratie der Schöpfer und Verkäufer von Extravaganzen aller Art. Denn jedes Haus von Rang, sei’s nun ein französisches wie Cartier, sei’s ein römisches wie Fendi, hält mittlerweile eine Dependence in exklusiver Lage im für unentbehrlich. Mailands Messen und Defilées sind eben internationaler Hauptumschlagplatz für Haute Couture und Pret-ä-porter-Mode, für Leder- und Möbeldesign.