Von Rino Sanders

Wo immer er aufspielt, seine Fans füllen Arenen, Musikhallen, Sportpaläste. Doch auch wenn 200 000 Menschen zusammenströmen wie in jenem Natur-Amphitheater unweit Paris, wird es so leise, „daß man die Stille in Scheiben schneiden kann“, wenn er seine „Canzone für Sarah“ singt. Sarah ist sechs und seine Tochter.

Über solchen natürlich elektronisch verstärkten Zauber verfügt ein Mensch von nicht einmal hundertzwanzig Pfund: Angelo Branduardi; und um es hier gleich zu sagen: es ist kein fauler Zauber. Von dem wird er auch angezogen, wie Menschen von seinen Gaben zu allen Zeiten – Paganini war sein Landsmann. So hat er also solche psychedelischen Shows in Polycolor gemacht; doch die sieht er heute mit Abstand.

Angelo, Liedermacher, mittlerweile 33 Jahre alt, hat nie der Versuchung nachgegeben, kommod Modisches zu machen. „Angelo, deine, Sachen sind so vage“, sagte man ihm Anfang der siebziger Jahre, in denen er, Student in Mailand nun, sich zwar engagierte, doch nicht durch seine Musik. Ein Widerspruch? Und wenn schon. Erstaunlich sein Erfolg, der 1977/78 (LP „Pulce d’acqua“) begann, eine langsame Explosion, die seither anhält, trotz der Krise auch auf diesem Markt, der so viel platte Eitelkeiten feilhält.

Seine Musik hatte ich auf einmal vor Augen, als ich die Branduardis zum ersten Mal sah. Sie standen in der Tür ihres noch nicht fertig eingerichteten Hauses in einer grün durchwachsenen Siedlungsgegend nahe dem Lago Maggiore – Angelo und Luisa, seine Frau, seine Mitarbeiterin, kurz und altmodisch: seine Muse. Sein bleiches Gesicht: halb Indianer, im Profil zumal, und halb, en face, byzantinische Ikone; graubraune Augen, verschattet von den Leiden einer frühreifen Kindheit und eines uralten Volkes: seine Mutter war Jüdin. Sie wohnten in der damals übelsten Hafengegend Genuas über einem Bordell. „Aber was für ein Bordell!“ sagt er, und ich sehe ihm an, daß er diese Zeit bis heute nicht hinter sich gebracht hat, auch, wenn sie bald in ein anderes Viertel zogen, ehe sie nach Mailand gingen. Der Vater, Verdi-Fan, konsumierte, wenn er nur konnte, Opernplatten.

Angelo: Engel, gefallener Engel, verstehe sich – mit dem Charisma solcher Geschöpfe. Er weiß, daß er es hat, und mit den Jahren hat er, der im Grunde Schüchterne, gelernt, es für seine Kunst zu disziplinieren. Immerhin hatte er, nach eigener Ansicht, von Anfang an Glück mit Lehrern. In Genua besuchte er die Montessori-Schule. Dort erkannte man seine Begabung und vermittelte ihn an den namhaften Geigenpädagogen Silvestri. Er brachte es zum Solisten kleiner lokaler Konzerte. Da bekam er’s mit der Lunge und mußte zwei Jahre aussetzen, war eins im Hospital. „Was für eine unmoderne Krankheit!“ – „Ja, à la Chopin“, meinte er. Geheilt, war ihm das Geigen abhanden gekommen. So besuchte er in Mailand ein „Staatliches Institut für Touristik“. Man denke! Aber dort lehrte, Geldes wegen, der ausgedehnt gebildete linke Literat und Poet dazu, Franco Fortini, Faust-Übersetzer und Schlüssel-Figur in Angelos Lehrjahren. In Fortinis kulturellem Kreis war er zu Haus. Fortini. brachte seine Dichterfreunde zu Lesungen in die Schule. Unvergessen: Montale.