Vorsicht! Gesundheitsschäden durch Einatmen möglich! Nur im Freien oder bei guter Belüftung anwenden! Nur wenige Sekunden sprühen! Von Kindern fernhalten! Gefahr für Haustiere!“ Das alles ist demnächst, rotumrandet, auf Produkten zu lesen, deren Hersteller bislang die Harmlosigkeit ihrer Artikel beteuerten: Spraydosen zur Imprägnierung von Leder und Textilien. Einige Mittel verschwinden gar gänzlich vom Markt.

Für das Bundesgesundheitsamt (BGA) in Berlin ist die Aktion ein Meilenstein im gesundheitlichen Verbraucherschutz. Erstmals schöpfte das Amt die bisher vor sich hinschlummernden Möglichkeiten des Bedarfsgegenständerechts weitergehend aus. Das dem BGA vorgesetzte Bonner Gesundheitsministerium indessen brachte „so viel plötzliche Verantwortung nachgerade aus der Fassung“, wie ein sachkundiger Beobachter meint.

Schon seit längerem hatten Ärzte in der medizinischen Fachliteratur Einzelfälle diskutiert, bei denen teils erhebliche Gesundheitsschäden auf die bequemen Haushaltshelfer zurückgeführt worden waren. Mittlerweile registrierten die Vergiftungszentralen der Bundesländer rund 250 Fälle. Die vom Einatmen der Spraydämpfe herrührenden Symptome reichen von Kopf- und Gliederschmerzen und Schwindelgefühlen über Hustenreiz, Fieber und Schüttelfrost bis hin zu Atemnot und gravierenden Lungenschäden. Bei rund sechzig Prozent der Patienten ging es nicht ohne Krankenhauseinweisung ab. „Todesfälle sind jedoch nicht registriert worden“, vermeldete dpa – vielleicht nur deshalb nicht, wie beteiligte Ärzte meinen, weil gerade noch rechtzeitig eine intensiv-medizinische Behandlung eingeleitet werden konnte. Dafür starb der eine oder andere Hausvogel.

Das BGA hatte zunächst angenommen, daß der feine Sprühnebel die Lungenbläschen verklebt. Testreihen in der Berliner Behörde ergaben jetzt, daß „keine deutlichen Zusammenhänge zwischen Imprägniereigenschaften und akuter Vogeltoxizität bestehen. Noch etwas fand das Amt heraus: Die Hoffnung der Industrie, die Nebenwirkungen könnten von den (möglicherweise leichter beherrschbaren) Lösungsmitteln herrühren, scheint sich zu zerschlagen. Es muß sich um die Giftwirkung einer oder mehrerer der in die Dosen gemischten Chemikalien (je nach Marke sieben bis elf) handeln.

Dafür spricht auch die Beobachtung von Professor Stefan Okonek, Leiter der Mainzer Beratungsstelle für Vergiftungen, daß die Gefahr mit zunehmender Menge wächst. Eine solche Dosis-Wirkungs-Beziehung bestünde nicht, handelte es sich lediglich um ein allergisches Problem. Okonek hat sämtliche gemeldeten Fälle ausgewertet und dabei ein interessantes Phänomen beobachtet: In den Jahren 1980 und 1981 stieg die Kurve der Vergiftungsfälle, die mit Produkten der marktstarken Firma Werner & Mertz (Sitz: Mainz) zusammenhingen, steil an, um danach ebenso rapide unter das Durchschnittsniveau zu fallen. Eine Erklärung gibt der chemische Leiter der Firma, Edelbert Bischoff Genau zu diesem Zeitpunkt wechselte das Unternehmen den Zulieferer der Grundchemikalien. Okonek macht darauf aufmerksam, daß die Mertz-Produkte von August bis Dezember 1980 Silikon enthielten. Danach wurde dieser Stoff nicht mehr verwendet. Auch die beiden Sprays der Konkurrenz, die noch als relativ am harmlosesten gelten (Okonek: „Giftig sind sie alle“), sind silikonfrei. Der „wissenschaftliche Krimi“, wie die beteiligten Forscher den Fall nennen, ist damit längst nicht beendet. Die Silikon-Theorie kann sich als falsch herausstellen; möglicherweise handelt es sich um eine schwer aufzudeckende Gemeinschaftstat mehrerer Substanzen. Immerhin genügten die vorliegenden Fakten einigen der zuständigen Kontrollinstanzen, um vorbeugend zu handeln.

Schon im Mai dieses Jahres, als sich die ZEIT (Nr. 22: „Imprägniert bis in den Tod?“) mit Gesundheitsgefahren durch das Lederspray „Imprägnol“ beschäftigte, erwirkte das Bundesgesundheitsamt ein Verbot dieses Präparates. Verständlicherweise war die Aufregung groß. In der darauffolgenden „Abwehrschlacht“ sahen sich die Hersteller zu schrittweisem Rückzug gezwungen. Erstmals hatten sie sich am 14. Juni mit dem BGA an einen Tisch gesetzt. Ein Teilnehmer zur Qualität der Produzenten-Argumente: „Schlimm.“ Ähnlich muß es zunächst auch am 9. September bei einem „wissenschaftlichen Symposium“ des BGA hinter verschlossenen Türen zugegangen sein. BGA-Präsident Professor Karl Überla soll dem Vernehmen nach die von keinerlei Fakten getrübten Auslassungen der Firmen mit den Worten unterbrochen haben: „Sie stehen auf einem Diskussionsstand, wie ihn die Pharmaindustrie schon vor zehn Jahren verlassen hat.“ Die Wende brachte der Wink mit dem Lebensmittel- und Bedarfsgegenständegesetz. Es bietet zwar wenig direkte Handhabe, aber die Ermächtigung für den zuständigen Minister, risikobehaftete Produkte mit einer Rechtsverordnung gänzlich zu verbannen. Also ließen sich die Hersteller, am 14. September in Heiner Geißlers Gesundheitsministerium versammelt, doch lieber darauf ein, sieben als besonders gefährlich aufgefallene Lederspray-Marken „freiwillig“ zurückzuziehen und die verbleibenden mit Warnhinweisen zu schmücken. Während im Bundesgesundheitsministerium beteuert wird, damit sei „das gesteckte Ziel genau erreicht“, vermitteln eingeweihte Kreise den Eindruck, ohne den Druck der für die Einhaltung der Beschlüsse zuständigen Landesgesundheitsbehörden wäre der Verbraucherschutz wieder einmal butterweich ausgefallen. Ein Industrie-Sprecher bestätigt: „Das Ministerium wollte ja nur Warnhinweise, keine Verbote.“

Einige Mitgliederfirmen des Industrieverbandes Putz- und Pflegemittel (IPP) meinen weiterhin, Ledersprays seien nicht nur unverzichtbar, sondern auch harmlos, wenn nur die Gebrauchsanweisung beachtet werde. Andere räumen ein, daß nicht alles zum Besten gelaufen sei. So hält es Mertz-Chemiker Bischoff für „unehrlich“ und einen „Widerspruch in sich“, bei technischen Produkten dieser Art auch noch mit angeblicher Umweltfreundlichkeit zu werben.

Während der Industrieverband noch vor kurzem behauptete, Probleme könnten nur bei „unsachgemäßem Gebrauch“ entstehen, räumt IPP-Gescnäftsführer Ulrich Keitel nunmehr ein: „Bisher konnten Gesundheitsschäden auch bei bestimmungsgemäßem Gebrauch auftreten.“ Dies sei der Rechtslage nach nun anders.

Stimmt: Wer jetzt Ledersprays nicht im Freien oder gar länger als einige Sekunden anwendet, kann bei Gesundheitsschäden damit abgespeist werden, er habe den Warnhinweis nicht beachtet. Der Schwarze Peter ist wieder beim Verbraucher.

Justin Westhoff