Kenia: zorniges Nairobi, wilde Einsamkeit

Von Rainer Schauer

Käuflich waren sie sicherlich, Anna und ihre Freundin. Aber für diese Nacht als Fremdenführerinnen durch Nairobi verlangten sie keinen hohen Preis. Nur die Getränke wollten sie bezahlt haben, den Eintritt in Discos und Night-Clubs und etwas zu essen, später vielleicht, wenn sie Hunger haben sollten. Es war ein faires Geschäft.

In der Garten-Bar des "Serena"-Hotels waren wie in jeder der internationalen Herbergen Nairo- bis die allabendlichen Kontaktszenen auf dem lokalen Markt der käuflichen Liebe beendet. Nur Anna und Sheila waren übriggeblieben, sitzengeblieben an einem Tisch am schilfgrünen Teich mit den blaßroten Seerosen und lärmenden Ochsenfröschen. 18 und 20 Jahre waren die Mädchen jung, aber vom Leben können sie wohl schon viel erzählen, auch von den Touristen natürlich, gerade von ihnen, und von den Deutschen.

Sie kommen auf dem Weg in die nördlichen Wildreservate von Mombasa am Indischen Ozean herauf, von Malindi, wo ja alles viel schlimmer sein soll – die Prostitution, die Drogensucht, der Heroinhandel und die Kriminalität. Die Deutschen also. "Die", sagte Anna ohne jeglichen Zusammenhang, "haben oft schlechte Zähne." Später sagte sie noch, daß sie auch manchmal grob seien. Mehr erzählte Anna aber nicht.

Kenias Hauptstadt ist nachts voller Gefahren. Das suggerieren zumindest die Schilder, die in jedem Hotel dreisprachig warnen: "Es ist gefährlich, nachts allein auf den Straßen zu gehen." Oder: "Verlassen Sie das Hotel nicht nach Einbruch der Dunkelheit." Diese Nacht geschah uns nichts. Wir gingen die Kimathi Street hinauf, bogen in die Banda Street ein und erreichten die Koinange Street. Ins "Florida", hatten die Mädchen gesagt, da müßten wir hin. Hier werde so zügellos getanzt wie nirgendwo in der Stadt. Dann also ins "Florida", in ein Getümmel von sich biegenden, wiegenden und stampfenden Körpern. Vielleicht tanzten sie früher so wild und so nah, im Busch zu den Trommeln mit Tierhaut bespannt. Wer weiß, ich kenne die afrikanische Seele nicht.

So gefährlich wie Neapel