Von Hans Jakob Ginsburg

Niedergandern, im Oktober

Der graue Lastwagen kriecht im Rückwärtsgang ein paar Meter weit. Drei Uniformierte springen von der Ladefläche, heben Drähte auf, schauen sich auf dem Boden um, klettern wieder in ihr Fahrzeug, das wieder vierzig, fünfzig Meter zurücksetzt. Die Männer springen wieder von ihrem Lastwagen, sammeln die Drähte, verschwinden unter der Plane des Wagens, die sie gegen den Regen und den Blick aus unserem Hubschrauber schützt. Von dort beobachten wir aus geringer Höhe, aber beruhigender Distanz das Treiben der DDR-Grenztruppen, denen drei Wagen. mit Kontrolleuren auf der eigenen Seite folgen. Im Osten nichts Neues?

Seit einer Woche verschwinden die Selbstschußanlagen an einigen Strecken der innerdeutschen Grenze, langsam, stückweise, und ohne daß sich erkennen ließe, warum die grau-uniformierten Männer aus den grauen Lastwagen gerade an diesen Orten eingesetzt werden, um die Automaten zu entfernen – es sind keine besonders übersichtlichen Stellen, die sowieso kein Mensch zur Flucht aus der DDR aussuchen würde, es sind auch nicht die, an denen Besuchergruppen auf westlicher Seite eine bescheidene, gleichsam touristische Infrastruktur vorfinden. Der graue Lastwagen fährt und bleibt stehen, fährt und bleibt stehen im Grenzland zwischen zwei nahe und doch so weit auseinanderliegenden Dörfern – Kirchgandern jenseits der Absperrungen, direkt am "Sicherheitszaun", und Niedergandern, das bescheidene Pendant auf westlicher Seite.

Wer von einem Dorf ins andere will, über den Grenzübergang bei Duderstadt, fährt an die 80 Kilometer. Der Abbau der Selbstschußanlagen ändert hier wohl für keinen etwas. Die innerdeutsche Grenze zerschneidet auf einer Breite von vielleicht 500 Metern ein sanftes Hügelland, eine bäuerliche Provinz. Ein paar Dutzend graue Kästen und die zugehörigen langen Kabel verschwinden – hier auf einer Strecke von wenigen Kilometern im äußersten Südosten Niedersachsens. "Da vorne beginnt feindliches Gebiet", sagt der Pilot des Grenzschutz-Hubschraubers aus Gifhorn und zeigt – nach Hessen. Die Grenzen der Bundesländer sind zugleich Grenzen für die Einheiten des Bundesgrenzschutzes.

Die gemeinsame Grenze der beiden deutschen Staaten ist 1393 Kilometer lang. 430 Kilometer, ein knappes Drittel also, war bislang mit den Selbstschußanlagen ausgerüstet. Der Metallgitterzaun, westlichstes Teilstück der ausgeklügelten Anlage zur Fluchtverhinderung, wurde hier seit 1970 unnahbar gemacht: In drei waagerechten Reihen – kniehoch, schulterhoch und an der Spitze des über drei Meter hohen Zauns, brachten Spezialisten der DDR-Grenztruppe die Apparate an den Betonpfosten an, immer nur einen an einem Pfosten, alle dreißig Meter in jeder der drei Reihen.

Die Apparate wurden mit waagerechten Auslösedrähten verbunden, deren Berühren oder Durchschneiden zwei Stromkreise schließt. Der eine zündet die Sprengladung der kleinen Maschine: 118 Stahlwürfel mit einer Kantenlänge von vier Millimetern werden bis zu 25 Meter weit geschossen; der zweite Stromkreis löst Alarmanlagen aus und ruft die Grenzer auf den Plan.