Von Manfred Sack

Auf einmal merkt man, daß das Reizwort von der postmodernen Architektur seinen Reiz verloren hat. Selbst für den Gebrauch als Injurie ist es schon etwas schlapp geworden, und als Kennzeichnung taugt es nur noch für die modischen Dekorierungsversuche drittklassiger Architekten. Der intelligente Umgang mit historistischen Fassaden-Partikeln gelingt ohnehin nur selten, und dann fragt man sich auch, was an solchen formalen Erfindungen nun eigentlich postmodern sei. Es scheint vielmehr, als seien die besseren Architekten bei uns wie immer damit beschäftigt, die Moderne zu differenzieren und ihr Ausdrucksmöglichkeiten abzugewinnen, an die vorher niemand geglaubt oder sich getraut hat.

Wer sich allein die mit Architekturpreisen ausgezeichneten Bauten der jüngeren Zeit vor Augen fuhrt, wird Mühe haben, sich dafür die Vokabel postmodern einfallen zu lassen, selbst bei der jüngsten Prämiierung. Den von der Ruhrgas AG gestifteten, alle zwei Jahre vergebenen Deutschen Architekturpreis bekam der Wiener Hans Hollein für sein Museum in Mönchengladbach, ein Bauwerk, das landauf, landab fast ohne kritischen Zwischenruf gefeiert worden ist und ohne daß auch nur einmal das Adjektiv postmodern ernstlich dafür gebraucht worden wäre. Die beiden zum Preis gehörenden Auszeichnungen bekamen zum einen das Wissenschaftler-Gästehaus, das der Münchner Otto Steidle in Berlin entworfen hat, ein Gebäude von nüchterner Schönheit und phantasievoller Praktikabilität, zum anderen das neue Dach von München: die Eislaufhalle am Olympiapark, ein Entwurf des Münchner Architekten Kurt Ackermann, und einer, der nicht vorwärts in die Historie, sondern eher rückwärts in die Architektur-Ingenieur-Kunst weist – also nach vorn.

An dem Nachmittag, da ich sie betrat, liefen mehr Herren als Damen darin Schlittschuh. Manche fielen durch Pirouetten auf, das Gesicht verbissen, als hänge davon die sturzlose Vollendung ab. Einer hüpfte immer dann in die Höhe, Wenn er aus der Kurve in die Gerade zurückfiel. Einer lachenden Dicken gelang nach dem Absprung eine ganze Drehung um sich selbst, ohne hinzufallen. Es sah ganz leicht aus. Beifall. Besonders fielen mir zwei gesetzte Herren auf, Endfünfziger, die, wie sich später zeigte, einander unbekannt waren, aber sich zum Paarlauf, gefunden hatten und selbstvergessen lächelnd Schleifen mit anmutigem Seitenwechsel drehten. Ihr Habitus erinnerte an Beamte des gehobenen Dienstes, die es gewohnt sein könnten, lästige Antragsteller anzuschnauzen und mit Warten zu strafen. Hier indessen wirkten sie, Schlittschuhe unter den Füßen und Eislaufkunst im Sinn, wie andere Menschen, verwandelte Bürger, die ihren Sport vor allem als eine Angelegenheit der Bewegung und der Ästhetik verstanden. Und dann brauchte man sich nur in der Halle umzusehen, das Dach zu betrachten, um zu meinen, daß der Architekt, der den ziemlich großen Eislaufplatz überdacht hat, seine Aufgabe wie die Sportler vor allem als eine Affäre der Eleganz verstand. Diese Halle, dachte ich, hatte nur so und keinen Deut anders werden können. Das stimmt zwar nicht, aber es ist wahr. Man braucht nur die benachbarte Eissporthalle zu betrachten, eine flache düstere Kiste von bedrohlicher Einfalt.

Die neue, jedermann – und nicht Leistungssportlern – zugedachte Eisbahn konnte bisher nur bei schönem Wetter benutzt werden, deshalb bekam sie nun ein Dach. Der Architekt Kurt Ackermann, der sehr bescheiden von sich sagt, er betreibe "ein praxisorientiertes Büro ohne spektakuläre Einzelobjekte, ständig bemüht, den Inhalt der jeweiligen Bauaufgabe ablesbar zu machen", war damit beauftragt worden.

Ehe er sich genauer Gedanken darüber machte, sprach er mit dem für seine gescheiten Konstruktionen bekannten Bauingenieur Jörg Schlaich darüber. Könnten Sie sich, fragte der den Architekten, einen Bogen vorstellen, an dem das Dach hängt? Ja, sagte der, und machte ein Modell. Und da in seinen Selbstbekenntnissen auch die Bemerkung steht, es komme ihm stets darauf an, "eine Ubereinstimmung von Konstruktion und Form zu finden", wundert es nicht, daß das Modell die künftige Idee schon sehr genau zeigte.

Ihr Rückgrat ist ein über hundert Meter weit reichender, im Scheitel neunzehn Meter hoch sich wölbender Bügel aus einem Stahlfachwerk: Drei verhältnismäßig dünne Rohre, fest untereinander verstrebt,in gewaltigen Betonwiderlagern in der Erde verankert. An diesem Bügel hängt zu beiden Seiten ein Seilnetz, dessen Maschen einen dreiviertel Meter groß sind. Darauf wiederum ist ein flexibler Holzrost mit denselben Abmessungen montiert, der die durchscheinende weiße Dachhaut aus dünnem festen, beiderseitig beschichtetem Kunststoff trägt. Ihr unterer Rand wird von einem Seil wie von einer Girlande eingefaßt, gehalten, gespannt und schließlich über Stahlstützen im Boden verankert.