Erotische Komödien, Zaubertheater, Kopftheater: Niels-Peter Rudolph inszeniert Shakespeares "Sommernachtstraum", Benjamin Korn inszeniert Marivaux’ "Streit"

Von Benjamin Henrichs

Die Bühne ist verschlossen wie ein Verlies. Nur ganz vorne, zwischen eisernem Vorhang und Orchestergraben, ist ein Rest Theater, ein Stück Natur: eine schmale Spielfläche, von verwelkten Blättern bedeckt.

Zwei sonderbare Menschen treten auf, noch nicht alt, nicht mehr jung, früh verwelkt. Sie stecken in herrlichen, pfauenhaft schönen Kostümen, doch aus all der Pracht schauen oben zwei traurige Menschenköpfe heraus: Gesichter, gepudert und geschminkt, bleich und affektiert. Zwei Verliebte: der Fürst (Ignaz Kirchner) und Hermiane (Dominique Valentin). Zwei Verfeindete. Zwei Gespenster der Liebe. Der Fürst, nachdem er vergeblich vor der Geliebten in die Knie gegangen ist (ganz schwächlich, wie ein Boxer vor dem endgültigen Knockout), reißt eine im Laub verborgene Holzklappe auf, aus der Versenkung fährt eine kleine indische Puppe herauf, der Fürst dreht ihr den Kopf herum, die Puppe bewegt ihre Glieder.

Langsam öffnet sich der eiserne Vorhang, man schaut hinein, hinaus in die Natur, auf ein dichtes, dschungelhaftes Bambusgesträuch. In der Ferne hört man Trommeln und exotischen Gesang, zwischen den Sträuchern sieht man huschende Gestalten. Hermiane und ihr Fürst ziehen sich zurück, Ende des Vorspiels, das Schauspiel beginnt,

"Der Streit" (La Dispute) heißt die "Komödie in einem Akt und in Prosa" von Pierre Carlet de Chamblain de Marivaux, die Benjamin Korn jetzt in Köln inszeniert hat. Das Stück erzählt eine wahrhaft ungeheuerliche Geschichte: In einem Wald, in einer Wildnis, soll die Geschichte der Menschheit noch einmal von vorne beginnen. Sechs Kinder hat der Fürst gleich nach ihrer Geburt hierhin verschleppt, hat sie, von der Welt abgeschieden und voneinander getrennt, von einem schwarzen Geschwisterpaar aufziehen lassen. Achtzehn Jahre sind vergangen. Jetzt werden die Kinder aufeinander losgelassen – der Fürst und Hermiane sehen aus einem Versteck heraus zu.

Scheinbar verfolgt das makabre Experiment nur ein banales Ziel: Geklärt werden soll, ein für allemal, der müßige Streit darüber, ob die Männer oder die Frauen schuld sind an Untreue und Verrat in der Welt. Ein zynisches Gesellschaftsspiel. Doch dahinter steckt ein verwegenes aufklärerisches Projekt: Ausgerechnet zwei gänzlich verkommene Leute inszenieren ein Spiel von Unschuld, Frühlingserwachen, Wiedergeburt. Was der blinden Geschichte mißlungen ist, soll nun ein wissenschaftliches Experiment herbeiführen: die schöne, neue Welt. Ein Traum, der im Terror enden muß.