Von Ralf Dahrendorf

Darin hatte Konfuzius schon recht, daß die Worte "richtig gestellt" werden müssen. "Sind die Worte nicht richtig, so sind die Urteile nicht klar, dann gedeihen die Werte nicht, treffen die Strafen nicht das rechte, und das Volk weiß nicht, wo Hand und Fuß hinsetzen." Wenn ein Wort heute eine veritable Inflation erlebt, dann ist es das "Gewissen". Es ist daher an der Zeit, eine Art Währungsreform vorzunehmen und dem Wort seine Geltung zurückzugeben.

"Das Gewissen steht auf", nannte Annedore Leber ihr Buch über die Männer und Frauen des deutschen Widerstandes gegen Hitler. Nicht alle, die das Naziregime bekämpften, brauchten dazu ihr Gewissen. Mancher saß von Anfang an im Lager und hatte daher keine Wahl. Für andere reichte schon ihre Zugehörigkeit zu einer Partei, einer Kirche, um ihren Platz zu bestimmen. Nicht ihre Staatsferne war die Gewissens-Entscheidung der ungeliebten Zeugen Jehovas, sondern allenfalls der Entschluß, der Gruppe beizutreten. Aber die Offiziere des 20. Juli hatten einen langen, schmerzhaften Kampf mit sich selbst auszutragen. Ihre Frage war, ob der Eid, den sie geleistet hatten, dann gebrochen werden darf, wenn der, dem der Eid galt, selbst gegen höhere moralische Grundsätze verstieß.

Eine altmodische Frage? Jedenfalls eine, die Offiziere umtrieb und nie ganz in Ruhe ließ. Julius Leber selbst, der politische Kopf des Widerstandes, ein tief religiöser Mensch, konnte sich mit dem Gedanken des Mordes nie ganz abfinden, selbst wenn es der Mord an einem Massenmörder war. Und auch dies wühlte in ihm: ob es denn zu rechtfertigen sei, daß man um der Befreiung von Hitler willen die Niederlage Deutschlands in Kauf nahm.

Was ist die merkwürdige Instanz, die uns in solchen Lagen berät? Sokrates sprach von seinem "daimonion". Es mahnte ihn, nicht "das Rechte zu verfehlen". Am Tag des Todesurteils allerdings schwieg das daimonion. "Gleichwohl trat das göttliche Zeichen mir weder heute früh beim Verlassen meiner Wohnung warnend entgegen, noch bei meinem Gang hinüber auf das Gericht, noch an irgendeiner Stelle meiner Rede, wenn mir etwas auf der Zunge lag." Wie sollte es auch? Wenn das daimonion des Sokrates so etwas wie das Gewissen war, dann konnte es sich nur melden, wenn und wo ein Dilemma vorlag. Das Dilemma der Entscheidung, die Unsicherheit, ob dies oder jenes zu tun sei, ist Voraussetzung dafür, daß unser Gewissen in Kraft tritt. Als Sokrates auf das Gericht ging, da gab es dieses Dilemma nicht mehr, da war von nichts mehr abzuraten; der Schierlingsbecher stand schon bereit.

Von Sokrates’ "Daimonion" zu Freuds "Über-Ich" führt ein weiter Weg. Für viele Christen ist das Gewissen die Stimme des strafenden Gottes, für andere die verinnerlichte, gültige Lebensmöral Christi, die Bergpredigt in uns vielleicht. Für Kant ist das moralische Gesetz in mir nicht abzuleiten aus dem gestirnten Himmel über mir, sondern aus der praktischen Vernunft. Es ist Pflicht. Immer handelt es sich um eine Instanz in uns.

Der Wanderer, der an eine Weggabelung kommt, muß sich entscheiden, welchen Weg er nimmt. Das ist keine Gewissensentscheidung. Auch die Frage, ob ich CDU wähle oder SPD, hat im Normalfall nichts mit dem Gewissen zu tun. Es verletzt daher auch keine Mahnungen des Gewissens. Damit ein Dilemma das Gewissen auf den Plan ruft, müssen die Alternativen selbst eine moralische Qualität haben – wie der Eid oder der Mord.