Die Geburt einer Katastrophe: Maschinen-Verstand und menschliches Versagen

Von Lina Schneider

„Man wird niemals irren, wenn man das Schönheitsideal eines Menschen auf dem nämlichen Wege sucht, auf dem er seinen Spieltrieb befriedigt ... Wenn man (um bei der neueren Welt stehen zu bleiben) die Wettrennen in London, die Stiergefechte in Madrid, die Spectacles in dem ehemaligen Paris, die Gondelrennen in Venedig, die Tierhatzen in Wien und das frohe schöne Leben des Corso in Rom gegeneinander hält, so kann es nicht schwer sein, den Geschmack dieser verschiedenen Völker gegeneinander zu nuancieren.“

War Games“, technisch komplizierte Automatenspiele befriedigen den Spieltrieb von Millionen Kindern und Jugendlichen in den hochzivilisierten Ländern. Die Spielregeln sind so einfach wie die der Todeskämpfe der römischen Gladiatoren. Mit einem Knopfdruck werden „feindliche“ Flugzeuge, U-Boote, Panzer, schlicht: „Feinde“ vernichtet. Das Urteil Friedrich Schillers, der vor 190 Jahren in seinen Briefen „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ jene Zusammenhänge zwischen Schönheitsideal und Spieltrieb herstellte, wurde gewiß über den heutigen Geschmack vernichtend ausfallen.

„War Games“ – „Kriegsspiele“ heißt John Badhams Film, der durch „spielt“, was gern harmlos „Ernstfall“ genannt wird. Der Ernstfall, das ist der Atomkrieg. Noch ahnt der Schüler David Lightman nichts davon, daß sein neues Computerspiel den Ernstfall auslösen kann. David ist ein Computer-Freak, einer jener inzwischen auch bei uns nicht mehr seltenen Jugendlichen, die ihre Zeit nicht mit Fußballspielen und Mofafahren verbringen, sondern sich an ihrem Heimcomputer vergnügen. Am liebsten sitzt David zu Hause und läßt den eigenen Computer mit anderen Computern spielen, zum Beispiel mit dem der Schule. Mit einem Tastendruck kann er seine Zensuren aufbessern.

Schon vor einigen Jahren gelang es einem erst zehnjährigen Schüler in England, das Sicherheitssystem des Schulcomputers zu überlisten und alle gespeicherten vertraulichen Daten abzulesen. David, längst kein Anfänger mehr, interessiert sich brennend für die neuen Video-Spiele, die die Computerfirmen für Weihnachten ankündigen. Der neugierige Junge, den man sich gut auch als Helden einer Walt-Disney-Produktion vorstellen könnte, dringt mit einigen durchaus nicht unrealistischen Tricks in das elektronische Gehirn einer vermeintlichen Spielzeugfirma in Kalifornien ein. Sein kleiner Computer findet einen großen Computer. Es beginnt ein tödliches Spiel.

Das fremde Elektronengehirn schlägt unverfängliche Vergnügungen vor, aber die Liste, die auf Davids Monitor flimmert, verheißt nicht nur eine Partie Schach, sondern auch seltsame Spiele mit seltsamen Namen. Eines heißt Konventioneller Krieg“, ein anderes „Thermonuklearer Vergeltungsschlag“. David hat Lust, Las Vegas und Seattle zu bombardieren. Was er nicht weiß: Er ist mitten im Gehirn des Super-Computers WOPR gelandet, er hat durch einen makabren Zufall den Code der amerikanischen Verteidigungszentrale überwunden.