Meersburg und „die Droste“: kein ungleiches Verhältnis

Von Rolf Schneider

Auf einem kleinen Freigelände unterhalb der Burgweganlage sitzen ein halbes Hundert junger Leute. Jeder hält ein Akkordeon auf den Knien. Der Maestro, mit blitzendem Taktstock, trägt den Namen einer in der Stadt ansässigen Musikalienhandlung. Rund um das Orchester bewegen sich Neugierige. Sie sind bereit zu Aufmerksamkeit und Beifall. Der Abend ist warm. Der Himmel über den Dächern ist seidig. Die Ackordeonisten intonieren „Aloahe“. Weder Spieler noch Zuhörer scheinen sich zu fragen, was einen nicht mehr taufrischen Schlager, der die Schönheiten Hawaiis bejubelt, für eine öffentliche Darbietung ausgerechnet in Meersburg am Bodensee prädestiniert.

Es soll eben bloß irgendwas geschehen. Es soll gezeigt werden, daß man sich Gedanken macht über das geistige Wohl von Leuten, die nicht nur den Tag, auch die Nacht in Meersburg verbringen. Die Stadt ist, unter anderem, eine Touristenstadt. Sie hat um die fünftausend Einwohner, sie hat um die zweitausend Gästebetten. Solche Relationen zeigen an, welchen Rang die Fremdenindustrie innerhalb des wirtschaftlichen, kulturellen, sozialen Gefüges der Kommune beanspruchen darf.

Die Leute kommen nach Meersburg, da der Bodensee eine angenehme und komfortable Ferienlandschaft ist. Die Leute kommen auch nach Meersburg, da es eine anmutige und sehr alte Stadt ist, mit mancherlei kulturhistorischen Preziosen. Der berühmte Renaissance-Topograph Matthäus Merian redete von Meersburg als einem „lustig Geländ mit schönem Weinwuchs herumb“. Das lustige Gelände ist ein steiler Sandsteinfelsen, der über dem Wasser steht, der sich zur Besiedlung nicht sonderlich anbietet und gleichwohl seit tausend Jahren besiedelt ist, der, vom Wasser her besehen, ein bißchen an die Seeräubernester und Ferienparadiese der französischen Seealpen erinnert.

Der Bodensee, weiß man vom Schulunterricht, ist ein altes europäisches Zivilisationsgebiet, dessen Anfänge bis in die Dunkelheit der Prähistorie zurückreichen. Das Verkehrsamt von Meersburg offeriert eine zweistündige Wanderung mit anschließender Führung nach Unteruhldingen, wo sich Pfahlbauten besichtigen lassen; die Rückkehr erfolgt wahlweise im Omnibus. Die Stadt Meersburg verdankt ihre Existenz wie ihren Namen einer Fortifikation, deren Alter umstritten ist. Seriöse Historiker datieren ihre Ursprünge auf das 10. Jahrhundert. Lokalpatrioten behaupten, Burggründer sei der Merowingerkönig Dagobert I. gewesen; demnach müßte es den Adelssitz schon im 7. Jahrhundert gegeben haben; die Burg selber wäre, womit sie auch heftig wirbt, Deutschlands älteste.

Meersburg lag im Schnittpunkt vielbefahrener Handelsstraßen zwischen Oberschwaben und der Schweiz. Die Meersburg war fast sechshundert Jahre lang Residenz der Konstanzer Fürstbischöfe. Konradin, der letzte Stauffer, soll sich in der Burg aufgehalten haben, ehe er mit seinen Rittern nach Italien zog, um dort geschlagen und hingerichtet zu werden.