/ Von Dietrich Strothmann

Nur durch seine ungewohnte Kleidung fiel der schlanke, schlaksige Mann auf, der auf dem Ledersofa im Restaurant des Damaszener Sheraton-Hotels saß: Er trug abgewetzte Jeans und eine schwarze Lederjacke. Die beiden jungen Leibwächter hielten sich scheu im Hintergrund. Dabei ist dieser auffällig-unauffällige Mann einer der reichsten Libanesen, inzwischen auch einer der bekanntesten: Walid Dschumblat, millionenschwerer Clanchef der Drusen, dessen Miliz in einem knapp vierwöchigen Bürgerkrieg die Christen aus seinem Stammesgebiet, der Schufregion südöstlich Beirats, verjagt und der mit seiner Androhung, eine eigene Verwaltung in der zurückeroberten Heimat zu errichten, den libanesischen Staatspräsidenten Amin Gemayel herausgefordert hat.

Anzusehen ist dem 35jährigen Patron solcher militärischer Elan und politischer Wille gewiß nicht. Mit seinen großen Kinderaugen, die wie von ungläubigem Staunen aufgerissen wirken, seiner beinahe ausgemergelten Figur, die schon der geringste Stoß zu Fall bringen könnte, den zögernden, langsamen Bewegungen, der scheuen Art seines Auftretens ähnelt Wand Dschumblat eher dem anderen Bild, das sich früher viele von ihm machten: eines dem Alkohol und den Frauen verfallenen, seine zarte Schwäche kompensierenden Playboys, der sich auf Motorradsätteln und in ausländischen Luxusherbergen wohler fühlt als unter seinen rauhen Kriegern in den abgelegenen Bergdörfern – eben ein verzogener, reicher Jüngling, der in den Tag hineinlebt, sich um nichts als um seine privaten Abenteuer zu kümmern braucht. Und vielleicht hinge er noch heute diesem unbekümmerten Lebensstil nach, hätte ihn nicht plötzlich das Schicksal herausgefordert, unbarmherzig.

Im März 1977 war sein berühmter Vater, der gefürchtete und geachtete Kamal Dschumblat, auf der Straße vom Schuf nach Beirut einem Anschlag zum Opfer gefallen, verübt vermutlich von syrischen Attentätern. Der gerade 59jährige Drusen-Bey, ein Politiker und Philosoph von Graden, der den Einmarsch der Syrer in den Libanon zum Schutz der Christen vor den Palästinensern mißbilligt hatte, hinterließ seinem unerfahrenen Sohn ein schweres Erbe: die Last, als weltliches Oberhaupt über 250 000 Drusen in einem von Christen regierten Staat nach einem verheerenden Bürgerkrieg die Interessen seines Stammes zu wahren und wenn nötig mit Gewalt zu verteidigen; die Pflicht, das Programm seiner „Sozialistischen Fortschrittspartei“ in die Tat umzusetzen. Wie nur sollte der Nachfolger von seinem Schloß in Muktara aus, dem 200 Jahre alten Stammsitz der Dschumblats im Schuf, diesem Auftrag gerecht werden? Wie den Anspruch erfüllen, der mit dem Namen seiner Familie verbunden ist: Herz aus Stahl?

Erst gab es in Beirut den üblichen Anschlag gegen ihn und seine junge Frau, eine jordanische Tscherkessin, dem sie mit knapper Not entkamen. Eine Autobombe hatte die Straße, die er benutzte, in ein Schlachtfeld verwandelt. Später sagte Walid Dschumblat dazu: „Sie haben es einmal versucht. Sie werden es wieder versuchen. Es ist eine Frage von Schicksal und Glück. Es ist ein Teil dieses Spiels.“ Vor seinem Vater waren so sein Großvater und sein Urgroßvater ums Leben gekommen. Drusen leben gefährlich. Zumindest ihm, dem Clanchef, ist nach drusischer Religion einer der wenigen Plätze im Paradies sicher; die anderen, seine Untergebenen, werden als Drusen, als Bauern und Krieger, wiedergeboren.

Dann, im Juni des letzten Jahres, kamen die Israelis und wollten mit ihm über die Bildung eines drusischen Pufferstaates im Schuf gegen die Syrer und Palästinenser handelseinig werden. Walid Dschumblat ging auf das Angebot nicht ein, das auch die israelischen Drusen (50 000, die anders als andere arabische Minderheiten zum Militärdienst zugelassen sind) befürwortet hatten. Zuletzt kamen die Milizionäre der christlichen Falange, die mit den Israelis während der Invasion gemeinsame Sache gemacht hatten, und setzten sich in den Schufdörfern fest. Sie sind in den letzten vier Wochen von der Drusen-Miliz in heftigen Kämpfen hinausgetrieben worden. Die 60 drusischen Ortschaften in der 600 Quadratkilometer großen Bergregion stehen wieder unter dem Kommando Dschumblats, der sich in der letzten Phase dieses zweiten libanesischen Bürgerkrieges sogar der Geschütze der 6. US-Flotte erwehren mußte. Der lässige, melancholische Jüngling, dem – an der charismatischen Kraft seines Übervaters gemessen – niemand solche Energie zugetraut hätte, scheint in dieser Schlacht um den Schuf zum Mann geworden zu sein, zum Politiker. Nicht nur dem ererbten Titel nach wirkt Walid Dschumblat wie ein Fürst.

Oder ist er es doch nicht aus eigenen Stücken? Hinter ihm, so heißt es allenthalben, stehen die Syrer. Er liege fest an ihrer kurzen Leine. Tatsächlich hält sich Walid Dschumblat häufiger in Damaskus als in Muktara auf. Tatsächlich belieferten ihn die Syrer, unter wohlwollender Duldung der israelischen Invasoren, mit Waffen. Und tatsächlich folgt er mit seinen Forderungen an den auf den Herrschaftsbereich Beirut beschränkten Präsidenten Gemayel den Wünschen der Damaszener Regierung: Neuverteilung der Macht ohne Bevorzugung der christlichen Minderheit, Versöhnung aller Religionsgruppen, Annullierung des libanesisch-israelischen Abkommens vom Mai, Rückzug aller „fremden Truppen“, zuerst der Israelis und der multinationalen Friedensstreitmacht. In das Bild dieses angeblich drusisch-syrischen Komplotts gehört auch Dschumblats jüngster Streich: die Einsetzung einer autonomen Verwaltung im Schuf, mit der die Kantonisierung des Libanon eingeleitet werden soll.