Lehrlingsausbildung

Der Geschäftsführer des CDU-Wirtschaftsrates, Rüdiger Von Voss, brachte die gegenwärtige Lehrstellensituation auf einen kurzen Nenner: „Der Lehrling ist der teuerste Mann im Betrieb.“ Für Voss ist dies das Ergebnis einer Lehrstellen-Umfrage unter den fünftausend Mitgliedsfirmen des Wirtschaftsrates (rund 1200 haben sich beteiligt), zugleich aber auch der Grund dafür, weshalb offenbar viele Unternehmen vor der Einstellung weiterer Auszubildender zurückschrecken.

Und wenn die Ergebnisse der Umfrage des Wirtschaftsrates halbwegs repräsentativ sind für Deutschlands Unternehmer, dann sieht die Zukunft der beruflichen Ausbildung alles andere als rosig aus. Von den Unternehmen, die sich an der Umfrage beteiligt haben, nannten immerhin 45 Prozent die zu hoben Kosten der Lehrlingsausbildung als Grund dafür, daß sie keine weiteren Lehrstellen zur Verfügung stellen. Hauptursache sind dabei weniger die reinen Ausbildungsvergütungen, die 1980 im Durchschnitt bei 5954 Mark im Jahr lagen, sondern die zusätzlichen Kosten, die der Unternehmer tragen muß.

Die Bruttokosten je Auszubildenden liegen laut Wirtschaftsrats-Umfrage bei rund 17 000 Mark, sie können jedoch bis auf 30 000 Mark pro Jahr steigen. Damit sind Lehrlinge zwar selbst in extremen Fällen immer noch billiger als die Studenten, für deren Ausbildung freilich der Steuerzahler aufkommt. Die befragten Unternehmen empfinden diese Kosten auch deshalb so hoch, weil sie diese in Beziehung zu der Zeit setzen, in der ein Auszubildender (Azubi) tatsächlich im Betrieb anwesend ist. Der Wirtschaftsrat schreibt dazu: „Bei zwei Schultagen pro Woche, überbetrieblicher Schulung und 30 Tagen Urlaub ist ein Auszubildender ca. 90 Tage im Jahr am Arbeitsplatz. Daraus errechnen sich Ausbildungskosten pro Stunde von 23,70 DM. Die Arbeitskosten in der verarbeitenden Industrie betrugen 1980 demgegenüber lediglich 23,40 DM pro Stunde.“

Für des Wirtschaftsrat bleibt es freilich nicht allein bei den Feststellungen, er fördert Zugleich auch Konsequenzen: „Die überzogenen Verschulung muß zugunsten einer praxisorientierten Ausbildung zurückgeschraubt, die Ausbildungsvergütätigen dürfen jedenfalls in den nächsten Jahren nicht erhöht werden.“ Die Kostensituation ist freilich nur ein Faktor, der bei der Einstellung von Lehrlingen eine Rolle spielt (siehe auch die „Klage-Liste eines Unternehmers“ Seite 19). 78 Prozent der Betriebe, die ihre Meinung an die Zentrale des Wirtschaftsrats in Bonn gemeldet haben, nannten vierzig ausbildungshemmende Vorschriften als weiteren Grund für die mangelnde Bereitschaft, Lehrlinge auszubilden: Die genannten Regelungen umfassen den ganzen Katalog der bisher geschaffenen Sozialmaßnahmen zum Jugendarbeitsschutz – von der Sonntagsruhe und dem Verbot gefährlicher Arbeiten bis hin zur Mitbestimmung.

Auch die Lehrer müssen sich massive Vorwürfe gefallen lassen. So wie früher schon von den Industrie- und Handelskammern immer wieder die mangelnde Qualifikation der Schulabgänger kritisiert wurde, so beklagen auch die Unternehmen des CDU-Wirtschaftsrates die mangelnde Eignung für den Ausbildungsberuf. 44 Prozent der Unternehmen nannten den allgemein schlechten schulischen Ausbildungsstand als wichtigen Ablehnungsgrund für einen Bewerber um eine Lehrstelle. Gerügt werden ganz besonders die ungenügenden Kenntnisse im Rechnen und in der Rechtschreibung; dabei kömmt erschwerend hinzu, daß an den Berufsschulen kein Deutschunterricht mehr erteilt wird. Was Hänschen nicht gelernt hat, lernt Hans also nimmermehr.

Aber auch Josef Stingl, Präsident der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg, wird in die Reihe der Sündenböcke gestellt. Dabei ist es keineswegs das Arbeitsvermittlungsmonopol, das die Arbeitgeber der Bundesanstalt streitig machen. Nur 28 der 462 Unternehmen, die sich zu dieser Frage geäußert haben, wollen das Vermittlungsmonopol abschaffen. Was die Betriebe stört, ist die Art der Berufsberatung der Arbeitsämter. 64 Prozent der Unternehmen haben an der Nürnberger Arbeitsverwaltung Kritik geübt: „Berufsberater kennen oftmals weder die Betriebe, in die sie vermitteln, noch deren Qualifikationsanforderungen. Diese Unkenntnis der Berufsberater hat dann häufig zur Folge, daß Lehrstellensuchende fehlgeleitet werden. Daraus ergeben sich dann aber nicht nur Verzögerungen bei der Vermittlung, sondern auch vermeidbare Frustrationen der Bewerber. Schlimmstenfalls wird eine begonnene Lehre wegen falscher Vorstellungen abgebrochen.