/ Von Walter van Rossum

Seine Wachsamkeit fehlt uns schon jetzt", kommentierte in dicken Lettern eine große französische Wochenzeitung seinen Tod im April 1980. "Daran ist nicht zu zweifeln: Sartres Stimme spricht immer noch von heute, von der Gegenwart", schrieb der Schriftsteller J. M. G. Le Clézio Anfang 1982 in Le Monde. Die Beispiele ließen sich nahezu beliebig fortsetzen.

Die meisten, die heute noch seiner gedenken, betrauern auch, was ihn unwiederbringlich zum Ereignis gemacht hat: Die Reputation, die Kompetenz, die Legitimität des Intellektuellen. Die Vorgänge, die diese Rolle ermöglicht haben, sind komplex. Gewiß gehört dazu die Entdeckung des Jahrhundertthemas: Freiheit – ihre Entdeckung als Schmerz, ja Qual und auch: als Verheißung. Die Unruhe der Freiheit hat sich in sein Werk eingeschrieben: Antworten, nicht Antwort.

So gut wie unbekannt ist dabei Sartres Entwicklung von 1968 bis zu seinem Tod 1980. Diese Periode ist bestimmt von einem schwierigen, tastenden Versuch, jene Konzeption des Intellektuellen, deren Leitfigur Sartre fast sein ganzes Leben lang war, zu revolutionieren. "Der Intellektuelle ist dazu bestimmt zu verschwinden", war eine der bestimmenden Formeln Sartres in diesen Jahren. (Die gleichsam korrelative leibliche Zerbrechlichkeit Sartres seit 1970 hat Simone de Beauvoir in dem Memoiren-Band "La Ceremonie des Adieux" [Gallimard, 1981] eindrücklich beschrieben.)

Von 1968–1970/71 schreibt Sartre den "Idiot der Familie", sein vieltausendseitiges Buch über Gustave Flaubert, von Grund auf um und neu. Es ist das – unabgeschlossene – Ende einer mehr als zwanzigjährigen Auseinandersetzung mit Flaubert. Es ist auch, und wahrscheinlich vielmehr, ein Versuch über die Pathogenese der Kunst, der Literatur im bürgerlichen Zeitalter. Es ist schließlich mehrdimensionale Demontage dieser Kultur und ihrer Riten. Noch zu Lebzeiten hat Sartre selbst das Bild vom Meisterdenker des 20. Jahrhunderts, der er gewiß außergewöhnlich lange Zeit war, empfindlich gestört. Sartre hat den Tod Sartres proklamiert, wer auch den aller anderen Sartres.

Die bei Rowohlt erscheinenden "Gesammelten Werke in Einzelausgaben" bieten viel, sehr viel Material, dieses Ereignis Sartre, seinen Werdegang nachzuvollziehen.

Wir scheinen an einem Scheideweg der Sartre-Lektüre zu stehen: Nur wenn wir in Sartres Texten ein schwieriges und bewegtes, immer aber faszinierendes Denken entwickeln wollen, vermeiden wir das literarische Wegsortieren Sartres als Denk-Champion seiner Zeit, erreichen wir schließlich, daß viele der heutigen Intellektuellen, die alles andere als Leithammel suchen, sich einer Neulektüre Sartres stellen. Eine wünschenswerte Sartre-Renaissance wird jedenfalls nur dann zustande kommen, wenn sich eine "Zurück-zum-Text"-Haltung durchsetzt, die Abstand nimmt von der Sehnsuchtsperspektive nach einer intellektuellen Identifikationsfigur.