Von Heinz Josef Herbort

Als das Stück uraufgeführt wurde, im Februar 1965 an der Kölner Oper, besaß es bereits eine Aura. In seiner Urfassung war es damals wohl wirklich unaufführbar: Eine Vielzahl von Instrumentalgruppen sollte, räumlich voneinander getrennt und in je eigenen, also insgesamt unterschiedlichen Metren, ihre selbständigen Parte spielen, die Gesangssolisten auf mehreren im Raum verteilten Bühnen auftreten; nur der Hauptdirigent behielt die Übersicht und die Kontrolle des scheinbar disparaten Geschehens. Diese visionäre Partitur hatte der Komponist in einem Anflug von Frustration oder Verzweiflung vernichtet.

Auch in seiner zweiten Fassung war dem Stück ein Etikett angehängt worden, das der Philosophie seines Autors entsprang. Bernd Alois Zimmermanns musikalisches Credo basierte auf seiner Vorstellung von der „Kugelgestalt der Zeit“, worunter ungefähr dies zu verstehen ist: Der Mensch steht im Mittelpunkt eines kugelförmigen Gebildes; wohin er auch blickt – er ist stets umgeben von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, und je nach Blickänderung greift er sich für im wahrsten Sinne des Wortes Augenblicke einen momentanen Zustand heraus.

„Vielschichtigkeit“ hieß damals das Etikett, und es stand und steht dem Werk zu wie kaum einem anderen: Die musikalischen Mittel, die Zimmermann in seiner Oper „Die Soldaten“ benutzt, greifen weit in die Vergangenheit zurück, sie griffen aber auch – 1965 – weit in die Zukunft voraus. Daß diese Zukunft in manchen Details heute objektiv längst wieder selber zur Vergangenheit geworden ist, gehört ebenso in Zimmermanns Theorem wie die Tatsache, daß das subjektive Bewußtsein eines Hörers noch vieles als futuristisch empfindet, ja wie die Hoffnung, daß einiges doch nie zur Gegenwart-Wirklichkeit geraten möge.

Aber auch in einer anderen Weise war das Stück, auch in der zweiten Fassung, „vielschichtig“ geblieben. In der „Toccata II“ überschriebenen ersten Szene des zweiten Aktes etwa agieren und reagieren in einem Caféhaus elf verschiedene Gruppen; in der folgenden, als „Capriccio, Corale e Ciaconna II“ bezeichneten Szene spielen sich drei Handlungen gleichzeitig, „simultan“ ab. Zur „Toccata III“ (erste Szene, vierter Akt) notiert der Komponist: „Das Geschehen mehrerer Szenen spielt sich, losgelöst von deren Raum und Zeit, der Handlung vorgreifend, auf sie zurückgreifend, gleichzeitig auf der Bühne, in drei Filmen und in den Lautsprechern ab.“ Und für das Finale, „Nocturno III“, verlangt der Komponist die Simultaneität von Bühne und Orchestergraben zusammen mit fünf Bandeinspielungen konkreter Musik, die von zehn im Bühnen- und Zuschauerraum verteilten Lautsprechergruppen abgestrahlt werden.

„Die Soldaten“ – ein dem Spätexpressionismus verpflichtetes, Wagners Ideen fortsetzendes, aber auch alles technologische Fortschrittsbewußtsein für sich vereinnahmendes und zugleich bekämpfendes visionäres Gesamtkunstwerk. Seit seiner Uraufführung hütet es das Attribut eines „wichtigsten Werkes des Musiktheaters nach Alban Bergs ‚Wozzeck‘“.

In der Oper braucht vieles – beim Regisseur Hans Neuenfels gibt es für alles mindestens eine Erklärung. Das, was man mit Sicherheit bei ihm erwarten darf, könnte man auch „Vielschichtigkeit“ nennen. Neuenfels also als der ideale „Soldaten“-Regisseur?