Ist Kurt Biedenkopf, der professorale Schnelldenker, noch der wirtschaftspolitische Vordenker der Union? Dann ist er seinem Parteivorsitzenden und Bundeskanzler wieder einmal um einige Längen voraus. Während Helmut Kohl zu den Bremen- und Hessenwahlen nochmals den Aufschwung versprach, sagte Biedenkopf in einem Capital-Interview: „Wir müssen uns anstrengen, uns auf dem erreichten hohen Plateau zu halten und nicht nach links oder rechts abzustürzen.“

„Aufschwung ja, aber auch ohne Wirtschaftswachstum“, ist die neue Formel des Professors, mit der er seinen Dissens zur offiziellen Wirtschaftspolitik der konservativ-liberalen. Regierungskoalition bemäntelt. Dazu gehört auch seine Erkenntnis: „Die Arbeitslosigkeit wird nicht durch Aufschwung beseitigt, sondern durch Reform des Arbeitsmarktes.“

Dem Arbeitgeberpräsidenten Otto Esser wird das gar nicht gefallen. Hat er doch gerade wieder das alte Lied von der Wachstumsstrategie als Allheilmittel zur Überwindung der Krise gesungen. Wenn es nun aber zuwenig Wirtschaftswachstum gibt? Dann, so Biedenkopf, „muß ich eine Politik machen, die ohne hohe Wachstumsraten auskommt“. Die Worte hören wir gern. Wann werden Taten folgen? -ls