Früher war Berlin dufte. Da schauten die Völker der Welt auf diese Stadt. Und sie waren voller Bewunderung für das Fleckchen auf der Landkarte, das der roten Gefahr drumherum trotzte, wie weiland Kleinbonum und Asterix den Römern in ganz Gallien. Dann kamen die Völker der Welt in diese Stadt, und viele blieben einfach da. Aus diesem und natürlich noch ganz anderem Grunde wurde Berlin eine andere Stadt.

Ähnlich dramatische Veränderungen in ihrem Charakter haben zwar viele Großstädte der westlichen Welt mitgemacht – und versuchen, daraus das Beste zu machen oder wenigstens damit zu leben. Aber Berlin ist Berlin. Deshalb darf es nicht so sein, wie es ist, und so erleben wir gerade eine Renaissance schicksalsschwerer journalistischer Betrachtung der halben Stadt.

Die einen rümpfen in Manier preußischer Herrenreiter die Nase über all das Artfremde, das sich da nun tummelt; die anderen beschwören die Lebenskraft, die gerade von dieser bunten Ansammlung der Kaputtheit ausgehe, sehen darin ganz neuen Lebenswillen, Saft und Kraft aufsteigen. Berlin: unser New York.

Für mich sind beide Gruppen auf dem Holzweg. Seit drei Jahren verlebe ich einen erheblichen Teil meines beruflichen wie meines privaten Daseins dort – bin immer froh, wenn ich wieder nach Hamburg zurück kann und freue mich gleichzeitig auf den nächsten Berlin-Trip. Leben würde ich dort nicht wollen – aber mein Zimmer dort ist mir schon einiges wert, und die schroffe, herzliche, harsche Ehrlichkeit als Kontrast zur hamburgisch-souveränen Distanziertheit genieße ich als begeisterter Parasit. Soweit meine Liebeserklärung an diese irre Stadt.

Und jetzt mal ganz sachlich. Berlin ist nicht New York. Berlin liegt nämlich mitten in Deutschland. Und alles, was sich da tut, entwickelt sich auf eine ur-deutsche Weise: ernst, streng, ohne jede Selbstironie. Deutsche, die es fertig bringen, über sich selbst zu lachen, müssen eben immer achtgeben, daß sie sich den Gaumen nicht verrenken.

Berlin ist auch nicht Sodom. Und Gomorrha auch nicht. Berlin ist allenfalls ein Synonym für die Unregierbarkeit dieser Welt.

Berlin ist der Zerrspiegel der Bundesrepublik, in dem sie sich betrachten kann, wie sie selbst eines Tages aussehen wird. Berlin ist der (westdeutsche Mikrokosmos auf die Spitze getrieben: Wirtschaftsniedergang, Arbeitsplatzstruktur, Ausländer, Jugendprobleme – alles überdimensioniert, alles ganz ungeschminkt. In Berlin ist die deutsche Geschichte mumifiziert, vom Anhalter Bahnhof bis zum Bahnhof Zoo. Die ganze Kaputtheit eines Volkes, das seine eigene Geschichte verdrängt und nie verarbeitet hat, findet sich hier in Reinkultur: Vom pathologischen Antikommunismus bis zum pressegeschürten Ausländerhaß, der Folgen haben wird, daß uns noch Hören und Sehen vergeht. Berlin ist das Freigehege des Zoos Bundesrepublik Deutschland.