Die Umschlagplätze am Mittelmeer werden für Industrie und Reeder weniger attraktiv

Schimpfworte wurden laut, als Italiens Marineminister Lubis neulich das erste Containerschiff im neuen Containerhafen von Genua willkommen hieß. Mit Husten hieben die Hafenarbeiter auf die blaue Limousine des Ministers ein, der eilig das Weite suchte. Der Vorfall hatte ein Nachspiel. Der Reeder des Containerschiffe verfügte, künftig den Hafen La Spezia und nicht mehr Genua anzulaufen. Die Atmosphäre im Hafen Genua sei nicht vereinbar mit den Erfordernissen moderner Technologie.

Seitdem sind 110 Schiffahrtslinien von Genua abgezogen. Die Verladung in Genua ist in der gleichen Zeit um ein Drittel zurückgegangen. Der Containerhafen, zunächst der modernste am Mittelmeer und der zweitgrößte Europas, ist mittlerweile mit seinem Umschlag auf den 15. Platz gerutscht.

Effizienz und Ansehen von Häfen wie Genua, Venedig und Neapel sind tief gesunken. Ausschlaggebend dafür war, daß ein präpotentes Establishment von 21 000 italienischen Hafenarbeitern durch eine beispiellose Reihe von Streiks und Protestaktionen der schwachen römischen Regierung ihre Vorstellungen über Hafenpolitik aufgezwungen hat. Das heißt: Erhaltung der Zahl der Arbeitskräfte und Sicherung des Lohnes für alle auch bei fehlender Arbeit.

Je mehr Industrie und Reedereien auf andere Häfen ausweichen, um so stärker verteuert sich die Ladung für den verbliebenen Rest. Heute kostet das Verladen eines Standard-Containers im Hafen Genua 527 Mark. Dagegen werden im Hafen Rotterdam für den gleichen Dienst nur 238 Mark verlangt. Rotterdam kann, wie die anderen Nordseehäfen, deshalb billiger sein, weil eine Durchschnittscrew dort aus sechs Mann besteht und in einer Schicht 160 Container schafft. In Genua haben die Hafenarbeiter erstreikt, daß eine Mannschaft aus 27 Arbeitern zu bestehen hat. Die verladen aber nur neunzig Container je Schicht.

Was für die Container gilt, ist auch in den anderen Verladeabteilungen nicht anders: Ein Arbeiter in Genua bewegte 1981 durchschnittlich 1651 Tonnen, während sein Kollege in Rotterdam 8993 Tonnen leistete. Selbst in den Häfen Marseille und Barcelona, die ja schließlich auch am Mittelmeer liegen, ist die Durchschnittsleistung mehr als dreimal so groß wie in Genua. Den Reedern, die dennoch diesen Hafen anlaufen, bleibt keine andere Wahl, als den teuren und dazu noch langsamen und bürokratisch-umständlichen Dienst in Anspruch zu nehmen. Auf Drängen des Staates und der Gewerkschaft regelt nämlich seit zehn Jahren eine öffentlich-rechtliche Monopolgesellschaft die Verladung in Genua.

Nachdem das Defizit der Hafengesellschaft auf zweihundert Millionen Mark angelangt ist, überlegt man in Rom und Genua seit dem vergangenen Jahr ernsthaft, wie man der Krise beikommen könnte. Inzwischen aber haben sich die Ereignisse überstürzt. Der Hafen von Venedig ist praktisch zahlungsunfähig geworden. In Genua, Venedig und Neapel sind die Präsidenten der öffentlichrechtlichen Monopol-Verladegesellschaft zurückgetreten. Treuhänderisch hat Roms Regierung drei Admiräle mit der Führung der Geschäfte beauftragt.