/ Von Hansjakob Stehle

Persönliche Herzensgüte" sei für einen SS-Führer eine der ersten Voraussetzungen; seine "nordische Gottgläubigkeit" bewahre ihn vor ausschweifender Erotik wie vor religiösen Betäubungsmitteln aus der "asiatisch-afrikanischen Welt"; sein Fanatismus, verbunden, mit nüchterner Sachlichkeit, werde "den Gegner am tiefsten und schwersten treffen." So schrieb 1940 in einer Broschüre ("Ewige Front" 3. Auflage siebzigtausend) ein gewisser Anton Holzner. Es war das – bei der Reichs-Schrifttumskammer eingetragene – Pseudonym eines Mannes, dessen wirklicher Name, Albert Hartl, im gleichen Jahr, am 19. April 1940, unter einer Dienstanweisung stand, die der SS-Gruppenführer Reinhard Heydrich aus dem Reichssicherheitshauptamt als "Geheime Reichssache" an alle Sicherheits- und Staatspolizeileitstellen senden ließ:

"Alle innerkirchlichen Spannungen zwischen Bischöfen und (päpstlichem) Nuntius, Bischöfen untereinander, Bischöfen und ihren Vertretern und Mitarbeitern, Bischöfen und niederem Klerus sowie alle persönlichen Schwächen der Vertreter der kirchlichen Hierarchie sind nachrichtendienstlich unter allen Umständen auszunützen; In jedes Bischöfliche Ordinariat müssen unbedingt zuverlässige VM (Vertrauensmänner) eingebaut werden..."

Das Rundschreiben erinnerte ausdrücklich an die "Wichtigkeit dieses Gegners". Hatten sich aber dieser und das Hitler-Regime nicht erst sieben Jahre vorher, 1933, durch ein Konkordat versöhnt? Bis heute sind sich die Historiker nicht ganz einig, ob jener Vertrag mehr den Nationalsozialisten nützte oder der kirchlichen "Nicht-Anpassung" (wie der Bonner Professor Konrad Repgen diese Haltung nennt). Weder Widerstand noch Anpassung? "Die Vorschußlorbeeren, die viele von uns dem Dritten Reich gaben", erklärt der Berliner Prälat Walter Adolph in hinterlassenen Aufzeichnungen mit einer "sprichwörtlichen Instinktlosigkeit des deutschen Katholizismus". Es war freilich die Haltung der großen Mehrheit aller Deutschen. Daß es in der katholischen Kirche außer tapferen Zeugen des Widerstands auch viele gab, die sich "in Unrecht und Gewalt verstricken ließen", bekannte 1983 eine Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz zum 50. Jahrestag von Hitlers Machtergreifung.

Wie solche "instinktlose" Verstrickung so weit verführen konnte, daß sie ein halbes Jahrhundert später noch historische Wahrheit verzerrt, zeigt die Lebensgeschichte jenes Albert Hartl, die hier dokumentiert werden soll: wie er vom Priester zum Chef des antikirchlichen Spitzeldienstes wurde, wie er den Kampf mit der "gefährlichen" Kirche auch nicht aufgab, nachdem er dabei in die Gesellschaft von Mördern geraten war, und wie das Trauma seines Lebens weiterwirkte, bis er sich als Greis noch zum Belastungszeugen für die Behauptung machen ließ, die katholische Kirche, durchsetzt von korrumpierbaren Klerikern, habe nur "minimale Opposition" gegen die Hitlerherrschaft geleistet, sei demnach also gar kein "wichtiger Gegner" gewesen.

Im oberbayerischen Roßholzen war der Vater Volksschullehrer, als Albert Hartl 1904 geboren wurde. Die fromme Mutter glaubte schon früh, seinen Lebensweg festlegen zu können: "Mit fünf Jahren wurde ich Chorknabe, mit neun Jahren kam ich in die Benediktiner-Klosterschule nach Scheyern und nach Absolvierung dieser Schule an das Erzbischöfliche Seminar in Freising", schreibt er im Lebenslauf für die SS-Personalakte. Nach einem Theologiestudium an der Universität München wird er 1929 zum Priester geweiht. Zu dieser Zeit werden seine durch manche Schulerlebnisse genährten Zweifel an kirchlichen Lehren, nicht zuletzt an Sexual- und Zölibatsvorschriften, durch die Begegnung mit antiklerikalen und "freireligiösen" Kreisen der Hitlerbewegung bestärkt.

Der Gestapo hinterbracht