Von Hans Joachim Kreutzer

Die Trias der großen Lyriker des Expressionismus, Stadler, Heym und Trakl, steht heute in kanonischer Geltung. Das Aufleben des Editionswesens nach dem Zweiten Weltkrieg hat große Teile ihres Werks überhaupt erst aus dem Geröll der Geschichte gerettet. Die Pioniertat war Karl Ludwig Schneiders erste Stadler-Ausgabe von 1954, zwei schöne, schmale Bände, auch buchkünstlerisch eine Freude. Bald darauf begannen Walther Killy und Hans Szklenar die Trakl-Ausgabe; sie wurde 1969 fertig. Ein Abschluß der Heym-Ausgabe, die wieder Schneider begründet hatte, zeichnet sich ab. Die neue Stadler-Ausgabe, erschienen im Jahr der einhundertsten Wiederkehr von Stadlers Geburtstag, gibt Anlaß, den Grenzwert zwischen Büchern für Bibliotheken und Ware für den literarischen Markt zu bedenken.

Herausgeber und Verlag haben das Kunststück vollbracht, eine wissenschaftlich vollwertige Edition als ein in jeder Weise handhabbares Buch zu gestalten. Das bedeutet: Da die Überlieferung der Texte Stadlers relativ überschaubar ist, war es möglich, alles Können moderner Editionsphilologie anzuwenden und die Ergebnisse (noch) in einer Form darzustellen, die auch dem Nicht-Philologen zugänglich ist; der penible, knapp formulierte Kommentar sei besonders hervorgehoben. Die Expressionismusforschung bietet nur zu oft Spezialitäten, mit denen alleine Spezialisten sich untereinander vergnügen. Wo fände der literarisch Interessierte auch nur für einen der drei großen Lyriker eine taugliche Biographie? Von den Editionen hängt also für das literarische Publikum alles ab.

Die Zeit des Nationalsozialismus war für die expressionistische Dichtung ebenso ungünstig wie für alle „entartete“ Kunst. Es ist beklemmend, wie rasch sich die Spuren selbst eines bekannten Schriftstellers noch in diesem Jahrhundert verlieren können. Stadler, Sohn des Kurators der Universität Straßburg, war ja nicht irgendwer: Er stand mit vielen Redaktionen und Verlagen in Verbindung, er hat als Dozent an zwei Universitäten gelehrt. Aus all diesen Beziehungen ist eine im Grunde winzige Korrespondenz von gut 70 Briefen geblieben; 32 davon erscheinen in der neuen Ausgabe zum ersten Mal. Die Edition will selbstverständlich in erster Linie an den Dichter Stadler erinnern. Sie erinnert zugleich an ein anderes Erbe, mit dem man bisher herzlich schlecht umgegangen ist: eine literarische Kritik und eine Wissenschaft, die beide von der europäischen Literatur handeln, über die kleinen Provinzen der eigenen Sprache und Herkunft hinaus.

Mit ihrer ersten Stadler-Ausgabe von 1954 gingen Schneider und sein Verleger Ellermann bewußt von der Wirkungsgeschichte aus. An die Spitze der Ausgabe stellten sie die Gedichtsammlung „Der Aufbruch“ von 1914, die Stadlers Namen lebendig erhalten hatte. Diesem Hauptwerk ordneten sie alles andere nach: einzelne Gedichte, Übersetzungen, literaturkritische Schriften, Briefe, dann erst folgte eine Auswahl aus Stadlers früheren Gedichten. Diese Edition zeigte Stadler als einen Protagonisten der expressionistischen Generation; sein Frühwerk erschien als ein bloßer Auftakt.

Heute, nach drei Jahrzehnten Forschungstätigkeit, die aber wohlgemerkt durch diese Ausgabe erst zum Leben gekommen ist, lernen wir durch die neue Ausgabe vielleicht keinen neuen Stadler kennen, sehen aber zum ersten Mal seine Gestalt vollständig. Er war eine Dreifachbegabung: Lyriker – Kritiker – Wissenschaftler.

Auch in der neuen Ausgabe bestimmt primär die Lyrik das Bild Stadlers. Aber die Gewichte haben sich jetzt verschoben: Das Frühwerk ist im Umfang so vermehrt, seine Kontur ist so verdeutlicht, daß es als eigenständig neben die schon bekannte „Aufbruch“-Lyrik tritt. Die Gedichte sind jetzt nach größeren Einheiten chronologisch geordnet. Damit wird allen Stufen Eigenrecht zugebilligt. Zuerst Lyrik aus den Jahren 1901-04, in zwei Gruppen, schon Veröffentlichtes und dann Unbekanntes, das erst jetzt aus Handschriften zutagetritt, es folgt die Sammlung „Praeludien“ von 1905. Mit ihr endet das sogenannnte Frühwerk. Darin finden sich Dehmelsche Töne und Mittelachsen-Gedichte nach seinem Vorbild, Jugendstilzüge und wagnerisierende Götterdämmerungs-Stimmungen treten auf, die Kunstreligion des George-Kreises hinterließ Spuren, sein Muster Hofmannsthal aber überbot Stadler stilistisch durch Übersteigerung. Und sogar solche Züge, die den späteren Stil Stadlers vorwegnehmen, findet man hier. Alles in allem – dies ist kein Vorspiel, kein Präludium, im Gegenteil. Der Lyriker Stadler ist zunächst Erbe einer großen Tradition. Darin ist er der Generation zugehörig, die um die Jahrhundertwende zu schreiben beginnt.