Von Hans-Peter Riese

In der Bundesrepublik beginnt die politische Saison nach den Ferien im September, bei uns in Ungarn einen Monat später, aber auch wir werden einen heißen Herbst erleben.“ Der Redakteur der angesehenen ungarischen Kulturzeitschrift Elet es Irodalom (Leben und Literatur), der dies sagt, hat keineswegs die Nachrüstung im Sinn, aber er spricht von einem Vorgang, der die ungarische Öffentlichkeit bald ebenso bewegen könnte, wie die Nachrüstungsdebatte die deutsche: Das erste Wetterleuchten einer schweren politischen Auseinandersetzung war bereits über Budapest zu sehen: Auf Beschluß der Parteiführung ist der Chefredakteur einer anderen Kulturzeitschrift, Ferenc Kulin, seines Amtes enthoben worden. Er habe in seinem Blatt Mosgo Vilag (Sich bewegende Welt) zugelassen, daß sich eine, „pessimistische und verzerrende Tendenz“ breitgemacht habe, verbunden mit einer „Mißachtung des Klassenkonzeptes“ und mit einer Rechtfertigung „nationalistischer Ideen“. Diese Erklärung hat der stellvertretende Kultur- und Erziehungsminister Deszö Toth in der letzten Nummer von Leben und Literatur gegeben und damit die „heißen“ Themen genannt, denen die Parteiführung nun nicht mehr ausweichen kann oder will.

Die ganze Debatte, die in Ungarn viel mehr als nur kulturpolitischen Charakter hat, ist durch ein Buch ausgelöst worden, das in Ungarn gar nicht gelesen werden kann. Es ist von einem in der Tschechoslowakei lebenden Ungarn verfaßt und beschäftigt sich mit den ungarischen Minderheiten in den sozialistischen Nachbarstaaten. Der Autor, Miklos Duray, wäre vermutlich nie einer Reaktion der Budapester Parteiführung für würdig befunden worden, wenn nicht verschiedene politische Faktoren unglücklich zusammengewirkt hätten. Zunächst schrieb der angesehene Budapester Schriftsteller Sandor Csoóri, seit langem auf Konfliktkurs mit der staatlichen Kulturpolitik, ein Vorwort zu dem dieses Frühjahr in den USA erschienenen Buch. In seinem hochpolitischen Text setzt er sich detailliert mit der These des Autors auseinander, die sozialistische Nachkriegsentwicklung auf dem Balkan habe die Minderheiten- und Nationalitätenfrage nicht etwa entschärft, sondern im Gegenteil vor allem für die ungarischen Minderheiten eine verzweifelte Situation heraufbeschworen, in der die Frage gestellt werden müsse, wann diese Minderheiten zu den Waffen griffen und dem Beispiel der Basken in Spanien oder der IRA in Ulster folgten. Csoöri empfindet dies als einen „elektrisierenden Gedanken“ und hat damit die Toleranzgrenze der ungarischen Partei eindeutig überschritten.

Das Buch berührt nämlich eine so hochbrisante Frage, daß sich bereits das Politbüro der „Sozialistischen Arbeiterpartei“ damit auf einer Sondersitzung befaßt hatte: Die Situation vor allem der zwei Millionen Ungarn in Transsylvanien, denen die rumänische Regierung ihre kulturellen Rechte immer drastischer beschneidet. Als habe diese heikle Auseinandersetzung mit dem verbündeten Rumänien nicht schon Sprengstoff genug, wird sie in Ungarn seit Jahren durch eine Diskussion verschärft, die fast typisch für den ungarischen Nationalcharakter ist; durch die über sinkende Geburtenziffern, die traditionell hohen Selbstmordraten und den grassierenden Alkoholismus. Diese Probleme hatte der kürzlich verstorbene Dichter Gyula Illyes zu „Schicksalsfragen“ erklärt, die in der Geschichte eines Volkes auch durch veränderte gesellschaftliche Verhältnisse „nicht automatisch“ gelöst würden. Im Klartext hieß dies: Der Sozialismus in Ungarn habe nichts an jener tragischen Entwicklung zu ändern vermocht, die durch das Zusammenwirken dieser drei Faktoren schließlich zu einem Aussterben der ungarischen Nation führen müßte.

Die Parteiführung hat erkannt, daß dies eine Herausforderung ist, die allein mit dem in der Wirtschaftsreform geschulten und vielfach erprobten pragmatischen Verhalten nicht bestanden werden kann. Der stellvertretende Abteilungsleiter für ideologische Fragen im „Weißen Haus“, wie das Gebäude des Zentralkomitees in Budapest genannt wird, Andras Knopp, wartet gar nicht erst ab, bis er nach dieser Herausforderung gefragt wird. Fast wörtlich referiert er, was der ungarische Ideologie- und Kulturpapst, das Politbüromitglied György Aczel, auf einer zweitätigen Klausurtagung über Fragen der Agitation, Propaganda und Bildungspolitik im Januar gesagt hatte: „Wir sind für wissenschaftliche Diskussionen über diese Fragen. Wir sind jedoch nicht damit einverstanden, daß die Geschichte – ganz gleich von wem und wo – dafür genutzt wird, aktuelle politische Thesen zu untermauern.“

Aczel und Knopp weisen auf eine politische Besonderheit der ungarischen Verhältnisse hin. In diesem Land, in dem es keine Zensur gibt, in dem die Opposition selber bekennt, daß sie keine Massenbasis besitzt und bis vor kurzem ihre Samisdat-Veröffentlichungen offen verbreiten konnte, hat es die Parteiführung fertiggebracht, daß sich Wissenschaftler und Intellektuelle in staatlichen Einrichtungen mit nahezu allen Fragen wissenschaftlich befassen konnten, die ungelöst geblieben sind oder unvollkommen in Angriff genommen wurden, Andras Knopp bringt dies auf die knappe Formel: „Um sich in Ungarn mit kritischen und kontroversen Fragen zu befassen, braucht man kein Oppositioneller zu sein.“ Gleichzeitig behält aber der Staat als alleiniger Besitzer des Veröffentlichungsmonopols stets die Kontrolle darüber, was von diesen kritischen Arbeiten an die Öffentlichkeit gelangt. Von der Warte des höchsten ideologischen Wächteramtes aus faßt György Aczel dies in die Form einer politischen Richtlinie, wenn er sagt: Jede beliebige Frage kann wissenschaftlich bearbeitet werden, wobei es für die Forschung weder verbotene Themen noch vorgeschriebene Schlußfolgerungen gibt. Wir beharren jedoch auf der Verantwortung dafür, daß die Werkstattarbeit solange fortgesetzt wird, bis eine abgewogene und durchdachte Konzeption entsteht. Bei der Veröffentlichung der Forschungsergebnisse wiederum soll bewußt werden, daß die Publikation keine rein wissenschaftliche, sondern auch eine öffentliche Angelegenheit ist.“

Unter der Hand wird mittlerweile zugegeben, daß die Partei in ihrer Fixierung auf die wirtschaftlichen Reformen in Ungarn erhebliche Fehler gemacht hat. Tatsächlich hat man die sogenannte technische Intelligenz durch den Anreiz, an der Reformpolitik forschend und formulierend mitzuwirken, in diese Politik eingebunden. Demgegenüber hat sich die in Ungarn sogenannte „Humanintelligenz“, wie auch der heute im Westen lebende Schriftsteller György Konrad einräumt, von der Politik abgewandt.