Von Horst Bieber

Nicht das Ergebnis, sondern seine Deutlichkeit überraschte: Mit einer strammen Dreiviertel-Mehrheit stimmte am Wochenende eine Landesmitgliederversammlung der hessischen Grünen in Petersberg-Marbach bei Fulda einem Antrag zu, den Sozialdemokraten in Wiesbaden eine "kontinuierliche Zusammenarbeit" anzubieten. Karl Kerschgens, grüner Landtagsabgeordneter, hatte das Papier – nach langer Diskussion mit seinen Kollegen – formuliert; zwölf der 15 Wiesbadener Fraktionsgrünen (davon sieben Abgeordnete, der Rest "Nachrücker") machten zum Schluß mit.

Seitdem hängt der grüne Haussegen schief. Ganz besonders natürlich bei den radikalen Ökologen, von ihren Gegnern kurz, aber unscharf "Fundamentalisten" genannt. Sie haben ihre Hochburg in Frankfurt, wo sie im Stadtparlament vertreten sind und als "Römer-Grüne" die innerparteiliche Diskussion stark beeinflussen. Nicht ganz so schief bei der Bundespartei, die den Wochenend-Beschluß als "rein hessische Angelegenheit" bezeichnet – schließlich sei die SPD (51 von 110 Sitzen) nirgendwo sonst auf grüne Stimmen angewiesen, um ihren Ministerpräsidenten wählen zu können. "Große Begeisterung" gebe es freilich nicht, auch wenn man – darin sind sich nun alle wieder einig – von der "großen Wende" nicht sprechen dürfe oder könne.

Solche Zurückhaltung stimmt mißtrauisch. Denn in Petersberg-Marbach sind in der Tat Würfel gefallen – gegen die radikalen Ökologen, die in der SPD-Politik nur eine rosa verpackte CDU-Linie sehen, und für jene "Reformisten", die ohne Berührungsängste mit den Genossen parlamentarisch etwas durchsetzen wollen. Die hessische Situation mag in der Tat einmalig sein, das Signal aus Marbach ist es nicht. Gemäß der grünen Sitte, Kontroverses lange zu diskutieren und die Entscheidung dann zu vertagen, hat eine Gruppe nun eigenmächtig neue Wegzeichen gesetzt, an denen die Bundespartei nicht mehr vorbeigehen kann.

Daran ändert auch der richtige Einwand nichts, daß die Dreiviertel-Mehrheit die Kräfteverhältnisse verzerrt. Hessens Grüne kennen keine Delegierten-, sondern nur Mitglieder-Versammlungen, mit allen Zufälligkeiten des Termins, des Tagungsortes und der Teilnehmer: In Frankfurt wäre die Mehrheit knapper ausgefallen, aber dennoch – das räumen auch die Fundamentalisten ein – eine Mehrheit geblieben. Auch die Mitstreiter der Römer-Grünen wollen in irgendeiner Form Mitsprache oder Mitarbeit in der Regierung erreichen; was sie Kerschgens & Co. aber vorwerfen, ist – aller Höflichkeit entkleidet – eine totale Kapitulation angesichts der Chance, an der Macht teilzuhaben. Der Römer-Grüne Manfred Zieran formuliert es bitter: "Grüne Inhalte dürfen für parlamentarische Taktik nicht beliebig werden." Wer einen Wahlkampf gegen Börners "Beton- und Atomhaushalt 1983" führe, könne ihn nach dem 25. September nicht einfach in der Hoffnung akzeptieren, dafür im Haushalt 1984 grüne Ziele durchzusetzen: "Das ist Wählerbetrug." Und wenn die Basis alle Sachentscheidung an die Landesgruppe delegiere, sich nur den letzten Schritt, die Wahl Börners, vorbehalte, entmachte sie sich selbst.

Karl Kerschgens sieht das anders. Auch er spricht von einem "Wagnis", auch er will keine "Koalition alten Stils – die haben sich totgelaufen". Aber ihn plagt die Sorge, die ohnehin geschmolzene Wählerschaft könne nach einem Jahr blockierter Parlamentsarbeit in Wiesbaden dem Eindruck erliegen, "daß wir uns verweigern". Diese zwölf Monate habe es wohl gebraucht – "Anlaufzeit und Erfahrung, vor zwölf Monaten waren wir von dem Ergebnis überfordert" –, nun gibt es grünes Licht in doppelter Beziehung: "Subjektiv empfinde ich eine gewisse Befreiung."