Die Adresse, die sehr raffiniert angezogene Männer nur ihrem allerbesten Freund geflüstert mitteilen, sieht von außen wie eine noble, aber für Paris nicht außergewöhnliche Herren-Boutique aus. Lanvin Homme liegt schräg gegenüber von Hermes in der Rue Faubourg Saint-Honore, genau an der anderen Ecke der Rue Boissyd’Anglas.

Im Erdgeschoß des eleganten Ladens aus altem, blondem Holz, Spiegeln und Glas hängen fein gebündelt Krawatten (mit ein paar tausend verschiedenen Motiven), liegen aufgeplustert Kaschmir-Pullover, weiche Kaschmir-Socken. Die Vitrinen hüten im eigenen Atelier genähte Haus- und Morgenmantel aus feinstem Tuch oder Seide, gepaspelt, gefüttert und passend zu Pyjamas.

Was ein uneingeweihter Kunde nicht weiß, das Reich des allerhöchsten Raffinements beginnt erst im 2. Stock, im Departement „Haute Couture pour Hommes“, einem Salon, in dem Monsieur Jean-Paul Fichepäin, Chef des Verkaufs, die Kunden aus Tokio, Los Angeles, Zürich, Rio de Janeiro lächelnd empfängt und berät. Vorher per Telephon oder Telex angemeldet, versteht sich. Die Herren, die in dieses Reich der Luxus-Männer-Mode kommen, sind zwischen 35 und 65, erfolgreich, nicht unbedingt reich. Sie verbindet vor allen Dingen das Bedürfnis nach außergewöhnlicher Qualität und unübertrefflichem, raffiniertem Luxus. Viele kommen seit fünf, zehn Jahren, einige seit genau 58, nämlich seit dem Tag, an dem die Pariser Modeschöpferin Jeanne Lanvin die besten Herrenschneider der Stadt einkaufte, um den Männern ihrer verwöhnten, eleganten Kundinnen Haute-Couture-Anzüge schneidern zu können.

„Maßgeschneiderte Anzüge mit maßgeschneiderten Hemden von Lanvin sind noch immer der Rolls der Herren-Couture“, sagt der Enkel von Jeanne Lanvin, Alexandre Poniatowski, 30, Direktor vom Departement Homme. „Wir sind die einzigen auf der Welt, die auch heute noch ein so großes Angebot von Stoffen höchstmöglicher Qualität in exklusiven Dessins mit den besten Schneidern – sie sind seit 20, 30, 40 Jahren in unserem Haus – von Hand verarbeiten. Ein Anzug entsteht bei uns im Departement Haute Couture in 65 Stunden mit drei Anproben. In unseren Ateliers werden allein an die 3000 Hemden im Jahr nach Maß geschneidert.“

Artikel von Lanvin Couture trägt ein Mann mindestens 15 Jahre. Über jeden Kunden und Kauf wird genau Buch geführt, jeder zu- oder abgenommene Zentimeter eines Bauches wird eingetragen. Stoffreste werden sorgfältig aufgehoben, um Kragen von Jacken oder Hemden nach Jahren auswechseln zu können.

Der allerschönste Moment eines Mannes, der sich seinen Anzug hier maßschneidern läßt, ist der, wenn er mit seinem Coupeur über die Taschen spricht. Über die Taschen außen für das Messerchen, das Feuerzeug, das Kleingeld, die Brille. Über die Taschen im farblich abgestimmten Seidenfutter für Papiere, Kreditkarten, den Bleistift. Jeder Kunde hat seine festen Gewohnheiten und Wünsche“, verrät Monsieur Michel van Hengel, zuständig für die maßgeschneiderten Hemden.

Der Mann, der es haßt, wenn es ausheult, kneift, rutscht, knittert, schlappen, der in jeder Lebenslage und überall perfekt angezogen sein will, muß für einen Lanvin-Luxusanzug zwischen 3500 und 4000 Mark bezahlen. Die maßgeschneiderten Hemden mit oder ohne Taschen und handgesticktem Monogramm kosten davon genau ein Zehntel.