ZEIT: Das Kartellamt hat die bisher höchsten Bußgelder verhängt, weil sich die Baufirmen, darunter die Crème der deutschen Bauwirtschaft, jahrelang untereinander abgesprochen haben, welche Firma zu welchem Preis den jeweils ausgeschriebenen Auftrag erhalten sollte. Ist die deutsche Bauwirtschaft nun ein einzigartiger Sumpf?

Kartte: Submissions-Absprachen (Ausschreibungsabsprachen) sind in der Bauwirtschaft ein altes Branchenproblem. Wir können auch nicht hoffen, daß die Bußgeldverfahren dazu führen, daß das schlagartig aufhört. Wir hatten ja schon 1975 ein großes Verfahren; jetzt das große abgeschlossene Verfahren; und ein weiteres Verfahren läuft noch.

ZEIT: Die Bußgelder haben bisher offenbar keine Wirkung gezeigt. Muß man noch höher herangehen?

Kartte: Nun, das jetzige Verfahren ist ja auch von der Höhe her einmalig. Bußgelder über 50 Millionen Mark haben wir ja noch nie verhängt. Ich habe die große Hoffnung, daß diese Bußgelder die Bauwirtschaft und vor allem die Herren in den Vorstandsetagen nachdenklich stimmen, daß dort also endlich Einsicht kommt.

ZEIT: Wäre die Abschreckung aber nicht doch wesentlich größer, wenn die Delikte stärker kriminalisiert würden?

Kartte: Die schlimmste „Strafe“ für die Bauunternehmen ist sicherlich die Publizität. Ich meine, daß das kartellrechtliche Verfahren den größeren Publizitätseffekt hat, als wenn es gelegentlich hier und dort Einzelverurteilungen durch die Gerichte gibt. Die Kriminalisierung des Kartellrechts bei Kartellabsprachen ist ja ein altes Thema.

Wir halten nichts davon und nicht nur, weil wir die Verfahren in der Hand behalten wollen, sondern aus folgendem Grund: Es gibt schon jetzt die Möglichkeit, nach dem Betrugsparagraphen im Strafgesetzbuch vorzugehen. Aber wir haben gesehen, daß die Staatsanwaltschaften und Gerichte davon nur wenig Gebrauch gemacht haben. Wir glauben denn auch, daß unser zentrales Verfahren, vor allem die Zusammenfassung der Fälle, der große Schlag gewissermaßen, die Gemüter mehr aufrüttelt, als wenn man gelegentlich liest, daß ein Landgericht eine Kriminalstrafe verhängt hat.