Der neue Vorsitzende der Labour Party Neil Kinnock und sein Stellvertreter Roy Hattersley wollen ihre Partei wieder auf einen gemäßigteren politischen Kurs bringen.

Der 41jährige Kinnock errang auf dem Parteitag im Seebad Brighton 71 Prozent der Stimmen bei der Wahl des Vorsitzenden und setzte sich damit überraschend klar gegen seine drei Gegenkandidaten durch. Kinnock, ein politischer Ziehsohn seines Vorgängers Michael Foot, wird dem gemäßigten linken Flügel seiner Partei zugerechnet. Sein Stellvertreter Hattersley vertritt den rechten Flügel der nach dem Abmarsch der Sozialdemokraten weit nach links gerückten Labour Party. Die beiden sollen die Flügelkämpfe in der Partei beenden.

Neil Kinnock will dies unter anderem durch eine Entschärfung von politischen Positionen, die die Partei im Wahlkampf noch vertreten hatte, erreichen: So hält er jetzt einen Austritt aus der Europäischen Gemeinschaft für unpraktikabel. Auch die Forderung nach einseitiger nuklearer Abrüstung soll modifiziert werden. Bis vor kurzem galt Kinnock, nicht weniger als sein Vorgänger Foot, als Verfechter eines Austritts aus der EG und als Befürworter einer einseitigen britischen Abrüstung.

In der Parteitagsdiskussion über die Ursache der Niederlage bei den Unterhauswahlen schälten sich zwei entgegengesetzte Standpunkte heraus: Die mangelnde Schlagkraft der Organisation, die Zerstrittenheit und die dadurch bedingte „Verwässerung“ von sozialistischen Positionen seien die Gründe des Debakels, sagen die entschiedenen Linken. Demgegenüber fordern die Partei-Rechten eine Abkehr von radikalen Forderungen, die der britische Wähler offenbar ablehne.

Eine erste Herausforderung der radikalen Linken hat Kinnock bereits erfolgreich überstanden. In einem Antrag verlangten sie, die kurz zuvor mit ihren Wunschkandidaten Meacher gegen den von Kinnock und den meisten Gewerkschaften favorisierten Hattersley bei der Parteivizewahl gescheitert waren, daß fünf führende Mitglieder der „militant tendency“, einer trotzkistisch orientierten innerparteilichen Fraktion, wieder in die Partei aufgenommen werden. Vor den Wahlen hatte der Labour-Vorstand die Linksabweichler mit den Stimmen von Kinnock und Foot ausgeschlossen. Mit überwältigender Mehrheit lehnte der Parteitag nach einer harten Debatte hinter verschlossenen Türen den Antrag der Linsen ab.

Auch die Wahlen zum Vorstand fielen zur Zufriedenheit von Kinnock und seinem Stellvertreter aus. In dem 29köpfigen Gremium verfügen die radikalen Linken nunmehr über zwölf Sitze, so daß sie die neue Politik nicht blockieren können Allerdings verfügt diese Gruppe über vier Mandate mehr im Vorstand als bisher.

Neben dem Versuch, mit einer gemäßigteren Politik die neuen Mittelschichten für die Labour Party zu gewinnen, will sich Kinnock vorrangig auch um den Parteiapparat kümmern. Die Organisation befindet sich in einem desolaten Zustand und sei zudem fast bankrott, erklärte Kinnocks Generalsekretär James Mortimer den Delegierten.

W.S.