Die "International Herald Tribune" nach hundert Jahren auf dem Wege zur Weltzeitung

Von Rudolf Walter Leonhardt

Zeitungen nennen sich gern "Weltblatt". Die Redaktionen finden das eher genierlich. Aber die Werbeleute und Anzeigen-Acquisiteure versprechen sich etwas davon. So auch bei der International Herald Tribune, die als "the global newspaper" verkauft wird.

Bei ihr freilich ist der Anspruch eher gerechtfertigt als bei jeder anderen Zeitung. Da ist er nicht nur ein schmückendes Werbewort, sondern gleichzeitig ein redaktionelles Konzept.

Daß jemals die ganze Welt eine Regierung haben wird, wie es der Philosoph Bertrand Russell als Voraussetzung für ihr Überleben postuliert hat, kann heute niemand so recht glauben. Eine überall lesbare Zeitung hätte diese Welt, vielleicht. Was damit zusammenhängt, daß sie ja auch eine Sprache hat, und diese Sprache ist, was immer Esperanto-Fanatiker und romanische Patrioten dagegenhalten mögen, Englisch. Das wird immer dann klar, wenn sich Europäer und Asiaten, Afrikaner und Amerikaner verständigen müssen, ob sie wollen oder nicht, zum Beispiel im internationalen Flugverkehr.

Die Trib, wie Eingeweihte und Liebhaber sie nennen, wird durch amerikanisches Geld finanziert, sie lebt überwiegend aus amerikanischen Ressourcen, und in der Redaktion arbeiten vor allem Amerikaner. Aber zu diesen fünfzig Amerikanern in Paris kommen noch dreihundert Leute, in der Verwaltung und in den technischen Diensten, die keine Amerikaner sind, sondern meistens Franzosen, aber auch Engländer und andere. Das von Sprachpuristen beklagte Franglais, in den Räumen der International Herald Tribune wird es perfekt beherrscht.

Wie wichtig der Standort Paris ist für ein Weltblatt amerikanischer Herkunft, bleibt eine Frage, auf die es gegensätzliche Antworten gibt. Vom berühmten Air, dem Chic der Seine-Metropole, die sich ja zuweilen als Hauptstadt der Welt versteht, spürt man einen Hauch allenfalls auf den Kulturseiten der "Trib". Sonst wird Anlehnung an allzu Französisches bewußt gemieden. Es gibt eine, offenbar kleiner werdende, Fraktion, die den amerikanischen Charakter der Trib betont wissen will. Jedoch wieder eine vor allem für Amerikaner in Frankreich bestimmte Zeitung, wie es der Paris Herald vor dem Zweiten Weltkrieg einmal war, will keiner mehr daraus machen.