Gorleben

Die riesigen Lagerhallen nahe der Straße Gorleben/Gedelitz sind fast fertig. Hinter Betonmauern und einem Erdwall soll hier zu Beginn des nächsten Jahres das von der Deutschen Gesellschaft für Wiederaufbereitung von Kernbrennstoffen (DWK) gebaute erste große Zwischenlager für radioaktive Abfälle in Betrieb gehen. Vor kurzem erteilte die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig die Erlaubnis, bestrahlte Brennelemente aus Leichtwasserreaktoren im Zwischenlager Getrieben aufzubewahren. Jetzt fehlt der DWK nur noch eine Genehmigung des Gewerbeaufsichtsamtes Lüneburg, das zur Zeit prüft, ob auch der zweite Teil des Zwischenlagers, das sogenannte Faßlager, allen Bestimmungen genügt.

Die Kernkraftgegner im Kreis Lüchow-Dannenberg, die seit Jahren gegen das geplante Zwischenlager kämpfen, glauben nicht mehr daran, das Projekt noch stoppen zu können. Sie fühlen sich, besonders von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt, überrumpelt. "In aller Heimlichkeit" habe die Bundesanstalt nun plötzlich die atomrechtliche Genehmigung erteilt, obwohl es doch immer geheißen habe: Wir machen das Verfahren für die Bürger transparent und prüfen deren Einwände sorgfältig, "In Wahrheit wird gemauschelt, und alles bleibt im unklaren", sagt eine Sprecherin der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg.

Aus der Sicht der Umweltschützer ist die 1981 in Lüchow begonnene Anhörung, bei der über 200 Einwendungen von Bürgern aus dem Landkreis erörtert wurden, nicht ordnungsgemäß zu Ende geführt worden. Wichtige Sicherheitsgutachten der Bundesanstalt für Materialprüfung (BAM) und des Technischen Überwachungsvereins (TÜV) lagen damals noch nicht vor. Man habe die Gutachten zwar im Frühjahr dieses Jahres einsehen können, aber sie seien nie Gegenstand einer öffentlichen Erörterung gewesen. "Die ganze Bürgeranhörung damals war eine Farce", empört sich die Sprecherin der Initiative.

Bei der Bundesanstalt in Braunschweig sieht man das anders. "Die Gutachten der Anstalt für Materialprüfung und des TÜV werden nicht für die Öffentlichkeit erstellt", heißt es dort. Daß im nordrhein-westfälischen Ahaus, wo ein Zwischenlager ähnlich wie in Gorleben gebaut werden soll,, die genannten Gutachten wesentlicher Bestandteil der Bürgeranhörung waren, wird so erklärt: "Dort geht es um ein Naßlager, nicht um ein Trockenlager; das ist eine andere Sache."

In den Augen der Gegner ist das ungleiche Vorgehen der Braunschweiger Bundesanstalt ein Skandal. Die TÜV-Gutachten sowohl für Ahaus als auch für Gorleben seien überaus kritisch, meint die Bürgerinitiative, und trotzdem gebe die Physikalisch-Technische Bundesanstalt nun grünes Licht für das Trockenlager in Gorleben. Sobald die Hallen fertig sind, dürfen dort 420 Spezialbehälter mit bestrahlten, also hochradioaktiven Brennelementen gelagert werden. Der Inhalt, insgesamt 1500 Tonnen Uran, entspricht der Energiemenge von etwa 50 Millionen Tonnen Steinkohle, mehr als der Hälfte der jährlichen Steinkohleförderung der Bundesrepublik.

Die Genehmigung soll für die Dauer von 40 Jahren gelten; bis zum Ablauf dieser Frist müssen die Brennelemente entweder wiederaufgearbeitet oder endgelagert werden. Doch nach wie vor gibt es keine gesicherten Konzepte für das eine wie für das Andere. Die Kernkraftgegner in Lüchow-Dannenberg fürchten, daß das Gebiet um Gorleben zum nationalen Atommüllplatz wird: Jetzt das Zwischenlager, später die Wiederaufbereitungsanlage nur 20 Kilometer entfernt bei Dragahn. Und dann das Endlager im Salzstock, Hunderte von Metern unterhalb des Zwischenlagers. Noch ist nichts endgültig entschieden, aber aller Voraussicht nach werden im nächsten Jahr die ersten Transportfahrzeuge mit Atommüll nach Gorleben rollen. Iris Mainka