Von Hansjakob Stehle

Um einen allgemeinen Krieg bitten wir Dich, Herr!" Diesen makabren frommen Seufzer, den der polnische Dichter Adam Mickiewicz 1833, drei Jahre nach dem ersten gescheiterten Aufstand, seinen Landsleuten in den Mund legte, würde heute, eineinhalb Jahrhunderte später, kaum einer nachbeten. Nach den Schrecken zweier Weltkriege, die zwar beide Polens staatliche Existenz wieder ermöglichten, doch dies in einer immer friedloseren Welt, richtet sich messianische Hoffnung auf den "slawischen Papst", von dem ein anderer Dichter, Juliusz Slowacki, 1848 pro-Hoffnung "Seine einzige Waffe ist die Liebe".

Gleichwohl läßt sich mit solchen poetischen Zitaten die ganze Spannbreite jener Geschichtsromantik markieren, die so oft dem politischen Denken der Polen, aber nie ihrem Handeln die Konfrontation mit der (meist bitteren) Wirklichkeit erspart hat. Selbst im Scheitern erwies sich dieses Gewebe, das im polnischen Bewußtsein Religion und Nation verknüpft, als unzerreißbar. Es ist kein künstlicher, sondern ein wirksamer, ein "lebendiger Mythos". So nennt ihn der französische Historiker, der seinem unromantisch-nüchtern, freilich geistesgeschichtlich und analytisch allzu anspruchslos geschriebenen Buch einen pathetischen Titel gab:

Georges Castellan, "Gott schütze Polen! Geschichte des polnischen Katholizismus 1795–1982", F. H. Kerle-Verlag, Freiburg-Heidelberg, 1983, 317 S., DM 39,80.

Da im deutschen Sprachraum bisher kaum jemand das Thema so ausführlich und auch mit Blick auf den nicht-wissenschaftlich interessierten Leser behandelt hat, ja überhaupt die Unkenntnis der Geschichte Polens in seltsamem Mißverhältnis zu dem Interesse steht, das Polens Schicksal erregt, kann dieses Buch dazu dienen, eine Grundlage von Faktenkenntnis zu vermitteln. Nicht zuletzt, weil es viele wichtige Quellen und Dokumente breit zitiert.

So wird deutlich, daß die ominöse Gleichung "Polnisch = Katholisch" nicht so sehr in tausendjähriger Tradition wurzelt. Die "Entscheidung für Rom im zehnten Jahrhundert brachte zwar – wie auch Paul Wilhelm Wenger in einer Einleitung hervorhebt – Polen in permanenten Konflikt mit Rußland, doch bis zur ersten Teilung 1776 waren Polens Auseinandersetzungen mit seinen andersgläubigen Nachbarn vorwiegend dynastische Machtkonflikte, die das Land nicht nur bedrohten, sondern umgekehrt auch nicht Expansion – zeitweilig fast bis Moskau und weit in die Ukraine – ermöglichten. Nicht katholisch-abendländische Schutzwall-Ideologie, sondern eine für europäische, zumal gegenreformatorische Verhältnisse ungewöhnliche Toleranz bestimmte das Klima. Schließlich waren am Ende des 18. Jahrhundert auch nur 53 Prozent der Bevölkerung katholisch. Die konfessionelle Duldsamkeit mag sogar Teil jener Liberalität gewesen sein, die das Staatswesen (mit Wahlkönigtum und "freiem Veto") schwächte, ja über seinen Untergang hinaus bis heute für anarchische Versuchungen anfällig machte.

Die wiederholte Teilung des Landes, das eigentliche Trauma seiner Geschichte, hat erst die zentrale nationalpolitische Mission des "Katholizismus" entstehen lassen. Und dieser war keineswegs stets mit der Institution der römischen Amtskirche gleichzusetzen. Der Überzeugung des Zaren (1845), in Polen diene die Religion als "Maske zur Tarnung der Rebellion", entsprach noch 1861 der Ärger Papst Pius’ IX: "Die Polen suchen vor allem den polnischen Staat und nicht das Reich Gottes: eben darum bekommen sie den polnischen Staat nicht." Erst als der Zar nach, dem zweiten Aufstand 1863 hunderte aufsässiger Priester nach Sibirien verbannte und die polnischen Bischöfe nicht einmal zum ersten vatikanischen Konzil reisen ließ, nannte ihn der Papst öffentlich einen "Dummkopf", der nicht zwischen "sozialistischer Revolution und legitimen zwischen einer Nation" zu unterscheiden wisse.