Kunst ohne Rest – zur Münchner Ausstellung „aktuell 83“

Von Hans-Joachim Müller

Der Christus vom Marterl am Wegrand im Kopfstand auf dem Glastisch. Und das Spiegelbild des Christus vom Marterl am Wegrand im Kopfstand auf dem Glastisch. Dornenkrone an Dornenkrone. Daneben der Katechismus von der „Zwei-Naturen-Lehre“: „Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch ...“

Thomas Lehnerer, 1955 in München geboren, hat dem Studium der Theologie ein Studium der Künste angeschlossen. Seine Arbeit „Doppelnatur“ gehört in die Münchner Ausstellung „aktuell 83“, die in „exemplarischer Form vergegenwärtigen“ möchte, was heute Malerei und Skulptur, Video, Photo und Environment heißt. Exemplarisch ist auch die Malerei der 1955 in Zürich geborenen Klaudia Schifferle.

Ihr „Sommergarten“ heißt nur so. Auf den knapp sechs Quadratmetern Bild geht es teuflisch zu. Seltsames Personal posiert da vor dem Farbengrund, taucht ein in ihn, taucht auf aus ihm, reiht sich wie zum Gruppenphoto. Schiefe Münder, Riesen-Augen, einohrig, mit Horn auf der Stirn und Gliedern ohne Symmetrie.

Himmel und Hölle. Womit sonst noch beschäftigen sich Künstler heute?

„aktuell 83“ ist ein unverhofft anregender Antwortversuch geworden. Nach so selbstherrlichen Unternehmungen des vergangenen Jahres wie der in Goldschnitt gefaßten Kassler documenta oder der nicht minder prätentiösen „Zeitgeist“-Bilanz in Berlin ist die Münchner Anordnung zeitgenössischer Kunst schon dazu angetan, einem den Glauben an die mögliche Unbefangenheit und uneitle Neugier verantwortlicher Ausstellungsmacher wiederzugeben. In München jedenfalls hat kein feinnerviger Impresario seine Künstlerfreunde zur Selbstillumination um sich versammelt, geschweige denn sie marktschnittig in Reih’ und Glied gebracht. „aktuell 83“ ist weder triumphale Regienoch willfährige Strategieleistung, ist vielmehr die zunächst schlichte Exekution einer kommunalpolitischen Entscheidung.