Wie Bodo Harenberg deutsche Geschichte vermarktet

Von Heidi Dürr

Ich liege“, schrieb Inge Meysel, „seit Tagen auf dem Teppich und blättere und blättere.“ Auch der Bielefelder Pädagogik-Professor Hartmut von Hentig läge, wenn es seine Zeit erlaubte, „auf dem Bauen“ und sähe sich „die Jahrhundert-Wochenschau mit Vergnügen und Gruseln an“. Bundeskanzler Kohl immerhin war „sicher, daß meine Söhne und ich mit großem Interesse das Opus studieren werden“.

Das Opus, das Prominente von links bis rechts auf Anfrage zu so werbewirksamen Sätzen veranlaßte, heißt „Chronik des 20. Jahrhunderts“, hat 1248 großformatige Seiten mit mehr als 3300 Abbildungen, wiegt gute fünf Kilogramm und wurde seit seinem Erscheinen im Spätsommer 1982 gut 500 000mal verkauft.

Damit ist der Buch- nicht, wie sein Verleger, der Dortmunder Buch- und Werbemittel-Fabrikant (Buchreport, Buch aktuell, Bibliophile Taschenbücher) Bodo Harenberg bereits im Juni behauptete, das erfolgreichste Sachbuch der letzten Jahre. Bestseller unter den Sachbüchern sind nach wie vor die Kräuterfibel „Gesundheit aus der Apotheke Gottes“ aus dem kleinen Verlag Ennsthaler im österreichischen Steyr (über zwei Millionen verkaufte Exemplare seit Juni 1980) und das Stern-Buch „Christiane F.: Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, von dem in den vergangenen fünf Jahren 1,3 Millionen Stück abgesetzt werden konnten. Aber in die Buchhandelsgeschichte dürfte die „Chronik“ dennoch eingehen: als perfekt vermarktetes Druckobjekt. Jüngster Coup: Alle Bertelsmann-Buchclubs bieten ihren sieben Millionen Mitgliedern das „Jahrhundertwerk über unser Jahrhundert“ im vierten Quartal als Top-Titel an – auf der Titelseite der Programm-Illustrierten.

Wie ein Massenprodukt

Harenbergs Idee wurde zusammen mit dem renommierten Westermann-Verlag in Braunschweig realisiert. Nur acht Mitarbeiter schrieben dort in weniger als einem Jahr die Ereignisse dieses Saeculums nach Jahren, Monaten und Tagen zusammen. Mit einem Millionen-Aufwand für Fernsehwerbung (Thilo Koch: „Mein Buch des Jahres“), Zeitungsanzeigen und Farbprospekten wurde der Schmöker dann zum Preis von 98 Mark auf den Markt gebracht. Die 225 000 Exemplare der ersten Auflage erschienen als eine „Hermes-Sonderausgabe der Harenberg-Kommunikation“ mit Westermann-Imprint, die zweite Auflage – Anfang 1983 zum Preis von 128 Mark publiziert und um die Chronik des Jahres 1982 erweitert – firmierte als Produkt von Harenbergs Chronik-Verlag.