Annehmbar

„Die Mauer“ von Yilmaz Güney ist der erste Film des Regisseurs nach seiner Befreiung aus den Klauen des türkischen Militärregimes. In „Yol“ war ein Land gefangen, hier geht ein Volk ins Gefängnis. Aber die Platanen sind französisch, und das Gefängnis war, wie man sehen kann, ein Kloster. Dieser Exilfilm ist ein Kraftakt wider die Gewalt der Häscher, wie es einst „Kämpfer“ war, den Gustav von Wangenheim 1936 in der Sowjetunion gegen die Gewalt der Nazis drehte. Exilfilme haben einen höheren Außendruck und hitzigere Innenspannung als eine Ästhetik unter freiem Himmel. Die Simulation des Realen, aber Fernen wird zum verzweifelten Ringen um den Ausdruck einer Botschaft. Um den Terror zu zeigen, berichtet Güney, habe er selber welchen erzeugen müssen. Auch die Angst ist ein Realismusprinzip. In drei Abteilungen: Männer, Frauen und Kinder ist das Volk eingesperrt. Die im Hof eingezogenen Mauern schotten sie voneinander ab. Erst spät deckt die Kamera das Ganze auf, aber dann hat es längst keinen Zusammenhang mehr. Auch durch Inschriften werden die Mauern nicht besiegt. Die Losung heißt, in der Schlußwidmung: „Hunger nach Wasser und Licht“. Der metaphysische Hunger der Gefangenen ist genauso schmerzhaft. Es gibt kein einziges Aufatmen. Alle sind Opfer. Und doch steht einer auf, wo ein anderer niedergeschlagen wurde. Am Ende hat Güneys Leidenspathos noch die Hoffnung niedergeschlagen. Karsten Witte

Schrecklich-schön

„La Traviata“ von Franco Zeffirelli ist nach „Cavalleria rusticana“ und „Bajazzo“ sowie „La Bohème“ fürs Kino und einem „Fidelio“ fürs Fernsehen der jüngste Versuch des Regisseurs, auf der rechteckigen Projektionsfläche den Verlust der Raum-Möglichkeiten einer Opernbühne durch einen ins Unermeßliche gesteigerten Aufwand an Technik, Ausstattung, Statisterie, Licht und Bewegung aufzufangen und auszugleichen. Verdis Oper über die Edelkurtisane im Paris der Mitte des vorigen Jahrhunderts, immerhin auf Platz zehn in der ewigen Häufigkeitsliste aller gespielten Opern, wird hier in eine Art Rahmenhandlung gepackt: Zu dem schmerzhaften Adagio des Beginns wird Violetta gezeigt, die Schwindsüchtige und Hochverschuldete, die erlebt, wie die Gerichtsvollzieher ihre einstige Luxuswohnung ausräumen – in einer Rückblende erlebt sie noch einmal die Orgien ihrer wild-fröhlichen Feste, die Romanze mit dem Studenten Alfred auf ihrem Landschloß, ihren erzwungenen Verzicht auf den Geliebten, dessen skandalöses Verhalten und Flucht. Die den Tod Erwartende – wir sind wieder im Original – kann noch für einen Moment in die Arme des Zurückgekehrten fallen. Eine Kino-Oper, mit allem, worin die Freunde des schönen Scheins Augen und Ohren zu baden nicht überdrüssig werden – zwei Top-Stars in den Hauptrollen (Teresa Stratas als ganz leicht angestrengte, aber doch glanzvolle und auch in ihrem Rollenspiel exakt treffende Violetta, Placido Domingo mit Kraft und Schmelz über die Maßen als Alfred), dazu einer der rasantesten, impulsivsten, aber auch wollüstig in schönen Linien und satten Klingen schwelgenden Dirigenten (James Levine), der Orchester und Chor seiner mit Verdi bestens vertrauten New Yorker Metropolitan Opera zu enormem dynamischem Volumen wie zartesten Farben belebt. Aber da liegen auch die Tücken des Verfahrens: HiFi-Qualität wie zu Hause von der Stereo-Anlage oder gar der Compact Disc ist nicht zu erwarten. Nun besitzen wir gottlob auch noch so etwas wie eine künstlerische Leber. Irgendwann in diesem Film meldet sie sich, wenn es einem vor lauter Opulenz richtiggehend übel wird. „Alles auf Erden ist sinnlos, was nicht Genuß ist“, singt Violetta auf dem ersten gezeigten ihrer Feste. Eineinhalb Stunden später ist sie klüger, aber auch tot. Wir haben die Chance, unseren Irrtum zu überleben. Heinz Josef Herbort

Ärgerlich

„Wenn er in die Hölle will, laß ihn geben“ von John Frankenheimer erzählt von einem drittklassigen amerikanischen Boxer, der unvermittelt in die Familienfehde zweier japanischer Brüder gerät. Der eine, fast ein Heiliger (Toshiro Mifune), hütet die alten Werte und Rituale. Der andere, ein Konzern-Chef (Atsuo Nakamura), agiert als Gangster. Der Amerikaner (Scott Glenn), zwischen allen Fronten, scheint ein rechter Tropf, bis er in die martialischen Künste Asiens eingeweiht wird. Die Kulissen und Gegensätze aus der neuen und der alten Welt nutzt Frankenheimer für seinen schlichten und blutigen Action-Film nur routiniert. Erst beim finalen Duell wartet die Geschichte mit einigen Überraschungen auf. Auch mit der, daß einem waschechten Amerikaner keine japanische Tradition gewachsen ist – und kein japanischer Konzern-Boß. Das mag Auto-Arbeiter in Detroit trösten. Filmfreunde können eher bedauern, daß trotz der drei Krieger aus Kurosawas Klassiker „Die sieben Samurai“, die Frankenheimer hier beschäftigt, nur eher ärgerlicher Durchschnitt entstanden ist. Einen differenzierteren Action-Film zum Verhältnis USA-Japan hat es ohnehin schon gegeben: „Yakuza“ von Sidney Pollack. Bodo Fründt

Empfehlenswerte Filme

„Das Gespenst“ von Herbert Achternbusch. „Die flambierte Frau“ von Robert Van Ackeren. „In Sachen King of Prussia“ von Emile de Antonio. „Der Bienenkorb“ von Mario Camus. „Angel, der Rächer“ von Neil Gordon. „Der Tod des Mario Ricci“ von Claude Goretta. „Monty Python’s Der Sinn des Lebens“ von Terry Jones. „Die Macht der Gefühle“ von Alexander Terry (siehe Seite 49). „Der Android“ von Aaron Lippstadt. „Sans Soleil“ von Chris Marker. „Pauline am Strand“ von Eric Rohmer. „Carmen“ und „Zärtliche Stunden“ von Carlos Saura. „New York City Girl“ von Susan Seidelman.